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Ehrenamt – die Schule des Lebens

Sie helfen, zeigen Interesse an ihren Mitmenschen und engagieren sich. Rund 560.000 Steirerinnen und Steirer gehen in ihrer Freizeit einer ehrenamtlichen Tätigkeit nach. Sie tun dies freiwillig und vor allem unbezahlt. Die Motive, ehrenamtlich zu arbeiten, sind ebenso unterschiedlich wie der Nutzen, der dadurch auf allen Seiten entsteht.

 

Ehrenamtliche sind das soziale Kapital der Gesellschaft
„Ohne das ehrenamtliche Engagement, ohne das Zusammenhalten können wir als Gesellschaft nicht bestehen. Die Freiwilligen sind der Kitt, der uns zusammenhält“, sagt Landeshauptmann Schützenhöfer. Eine Studie der Donau-Universität Krems beziffert den monetären Wert der Gemeinnützigkeit in Österreich mit einer jährlichen Wertschöpfung von zehn Milliarden Euro. Zahlreiche Einrichtungen und Organisationen von der Freiwilligen Feuerwehr bis zum Roten Kreuz, von der Bergrettung bis zum Vinzidorf könnten ohne freiwillige HelferInnen nicht existieren. Nutznießer sind wir alle. Aber auch für die Ehrenamtlichen selbst entsteht ein Mehrwert. In Zeiten von immer mehr Individualisierung der Gesellschaft und steigender sozialer Kälte wirken kleine Einheiten gemeinschaftsbildend und stiften Identität.

Ehrenamtlichkeit stützt das soziale Bedürfnis der Menschen
Laut einer Studie des Institutes für Ethik und Gesellschaftslehre der Karl-Franzens-Universität Graz liegt der wichtigste Grund für ehrenamtliche Tätigkeit darin, dass die Befragten gerne mit Menschen zusammen sind. Danach kommt Freizeitgestaltung („Ich will in meiner Freizeit etwas Vernünftiges tun“), gefolgt von Ausbildungsmöglichkeiten, die in der Einsatzorganisation gegeben sind. Für Jüngere spielen auch die Freude und der Spaß an ihrem Tun eine große Rolle. Immer mehr junge Menschen widmen sich während der Zeit ihrer Ausbildung oder nach dem Abschluss einem freiwilligen sozialen Projekt. Viele von ihnen auch im Ausland. Das Echo ist einhellig positiv. Es schärft den Blick für das Wesentliche, bildet einen Kontrapunkt zu unserer materialistisch geprägten Lebensweise und gibt einem das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.

Vorteil auch für Unternehmen
Immer mehr Arbeitgeber erkennen die positiven Auswirkungen ehrenamtlicher Tätigkeit ihrer Mitarbeiter. Sie bringen Wissen, Führungsqualität und soziale Netzwerke mit in ihr alltägliches Berufsfeld. So hat zum Beispiel die Vienna Insurance Group 2011 auf Initiative des Wiener Städtischen Versicherungsvereins den Social Active Day ins Leben gerufen. Mit dieser Initiative werden die MitarbeiterInnen des Konzerns ermutigt, sich für ein soziales Projekt zu engagieren, und bekommen dafür im Regelfall einen Arbeitstag pro Jahr zur Verfügung gestellt. Die bisherige Bilanz ist beeindruckend. Die Anzahl der Tage, die von MitarbeiterInnen für ehrenamtliche Leistungen genutzt wurden, belief sich 2016 auf 4432. In der Erste Bank Wien gibt es ein eigenes EDV-Portal „Time Bank“, wo sich MitarbeiterInnen registrieren können und damit Zugang zu einem Angebot von Projekten und Organisationen erhalten, denen sie ihre Zeit anbieten können, je nach Interessen und Fähigkeiten. Auch bei der Auswahl neuer BewerberInnen spielt ehrenamtliche Tätigkeit zunehmend eine Rolle. „Ehrenamtliches Engagement ist keine Voraussetzung für einen Job bei uns“ sagt Birgit Payer, HR Business Partner in der Erste Bank Wien, „aber es ist ein wichtiges ‚Social Skill‘. Ein Ehrenamt ist eine Schule des Lebens, Empathie und Verlässlichkeit werden gefördert.“

Hospizverein Steiermark
Der Begriff Hospiz steht für eine weltweite Bewegung, die sich um die Begleitung von Menschen in ihrer letzten Lebensphase bemüht. Österreichweit arbeiten 3630 Ehrenamtliche in 160 Hospizteams und in den landeskoordinierten Organisationen. In der Steiermark widmen sich rund 900 Frauen und Männer dieser Aufgabe. Die allermeisten von ihnen sind professionell ausgebildete BegleiterInnen, die Betroffenen und ihren Angehörigen helfen. Daheim, in Alten- und Pflegeheimen, in Krankenhäusern und auch in den stationären Hospiz- und Palliativeinrichtungen. Ein kleiner Teil ist im administrativen Bereich tätig. HospizbotschafterInnen tragen die Hospizidee weiter, HospizpatInnen unterstützen die Teams durch Förderung von Netzwerken und Erfahrungsaustausch. Unter ihnen befinden sich viele einflussreiche Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, die sich mit Freude und Engagement in den Dienst der guten Sache stellen.

Es geht uns alle an
„Arbeit und alles, was wir tun, soll sinnstiftend sein“, meint Barbara Muhr, Vorständin der Holding Graz und langjährige Hospizbotschafterin, anlässlich einer Diskussion im Steirischen Presseclub, „aber für mich liegt die Sinnstiftung, der wahre Sinn des Lebens darin, was ich außerhalb der Arbeit tue. Als Hospizbotschafterin möchte ich die Menschen sensibilisieren. Um das Thema Sterben kommt keiner herum.“ Und sie hat auch selbst erfahren, wie gut eine Unterstützung auch Angehörigen tut: „Aus jüngster Erfahrung, anlässlich des Tods meines Vatis, kann ich allen Betroffenen eine Hospizbegleitung für Angehörige nur ans Herz legen. Wenn man selbst seinen sterbenden Vater bis zuletzt begleiten kann, kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem man an seine Grenzen gelangt. Auch mit der eigenen Familie. Dann von außen unterstützt zu werden, hat eine Qualität, die für alle von unschätzbarem Wert ist.“

Professionelle Aus- und Fortbildung
Wer sich für eine ehrenamtliche Tätigkeit als Begleiter oder Begleiterin beim Hospizverein entscheidet muss eine dreiteilige Ausbildung inklusive eines 40 Stunden dauernden Praktikums in verschiedenen sozialen Einrichtungen absolvieren. Und bekommt dafür auch ein Zertifikat, das für eine professionelle Begleitung qualifiziert. Die Inhalte dieser Ausbildung sind breit gestreut und reichen von der Unterstützung bei der persönlichen Orientierung im Umgang mit Krankheit, Tod und Trauer über Grundfragen der Gesprächsführung bis zu ethischen Fragen am Lebensende. Im Praktikum bekommen die Interessenten erstmals Gelegenheit, praktische Erfahrungen zu sammeln. Sie werden dabei von erfahrenen HospizmitarbeiterInnen unterstützt. So unterschiedlich die Motive für die Ausbildung auch sein mögen – eines ist allen Absolventen gemeinsam: Die Zeit der Hospizausbildung ist immer auch eine der intensiven Beschäftigung mit sich selbst, mit der eigenen Einstellung zur Endlichkeit unseres Lebens. Mag. Horst Engele, klinischer Gesundheitspsychologe und seit zwei Jahren ehrenamtlich als Begleiter in der Hospizstation der Albert Schweizer Klinik tätig, bringt es auf den Punkt: „Bei dieser Tätigkeit muss ich mich mit meiner eigenen Endlichkeit beschäftigen. Es tut mir gut und ich sehe auch, dass es anderen Menschen gut tut. Nach einem Vormittag auf der Hospizstation gehe ich als ein Anderer hinaus als ich hineingekommen bin.“

Warum engagieren sich Menschen ehrenamtlich im Hospizverein?

Nicole Hoffmann, Pflegeassistentin: „Ältere Menschen liegen mir besonders am Herzen. Sie sind es, die unserem Land aus dem Nichts heraus zu Wohlstand verholfen haben, und sie sind es, die uns Geschichten erzählen, wie sie ihr Leben gemeistert haben. Vieles, was man im Rahmen der Hospizbegleitung erfährt, ist für unsere Generation gar nicht mehr denkbar.“

Angelika Vogler, Sonderkindergartenpädagogin: „Das Interesse, mich mit den vielfältigen Themen des Lebens intensiv auseinanderzusetzen, die Liebe zu anderen Menschen, besonders aber auch zu Menschen mit großer Lebenserfahrung hat mich motiviert, die Hospizgrundausbildung zu absolvieren.“

Martin Hitzelberger, Pflegehelfer: „Die Begegnung mit mir selbst im Hospizgrundseminar war für mich eine wichtige und interessante Erfahrung. Um andere in einer schwierigen Situation wie dem bevorstehenden Tod, einer schweren Krankheit, Verlust der Eigenständigkeit und vieles mehr zu begleiten und um ihnen besser beistehen zu können, kehrt man zunächst einmal zu den eigenen Wurzeln zurück. Wo liegen meine Ängste? Wie kann ich ihnen begegnen? Was möchte ich für mich selbst bei der Arbeit mit Sterbenden lernen? Was habe ich zu geben? Durch das Praktikum habe ich gelernt, eine Beziehung aufzubauen, zu gestalten und zu beenden.“

Maria Santner, Prokuristin der Anton Paar GmbH und Hospizbotschafterin im Interview

Frau Santner, was hat Sie dazu bewogen, sich gerade für den Hospizverein zu engagieren, und was möchten Sie als Hospizbotschafterin bewirken?
MS: Das Thema Tod hat mich schon früh interessiert. Ich habe mit 21 Jahren meine Mutter verloren, das hat mich sehr geprägt. Sie hatte Krebs und man durfte ihr nicht sagen, dass sie sterben wird. Da war so viel Stummheit und Hilflosigkeit bei uns allen und ich denke heute noch, dass man damit auch ihr die Möglichkeit genommen hat, sich zu verabschieden.
Als Hospizbotschafterin ist es mir ein Anliegen, dass dieses Thema in unserer Gesellschaft selbstverständlich wird. Hospiz ist in diesen außergewöhnlichen Situationen eine wunderbare Unterstützung.

Was, glauben Sie, macht die Arbeit im Hospizverein so besonders?
MS: Die Leute, die ich dort getroffen habe, sind sehr, sehr herzlich, sehr engagiert. Alles läuft sehr professionell, es gibt eine tolle Basis und es braucht keine Hierarchien. Da geht es ganz viel um Respekt, Würde und Achtsamkeit. Und man spürt die Leidenschaft!

Halten Sie es für sinnvoll, dass auch junge Menschen eine ehrenamtliche Tätigkeit ausüben?
MS: Ja, unbedingt! Es erweitert die Perspektiven, es formt und es ist wesentlich für die Persönlichkeitsentwicklung. Ich schaue auch bei Bewerbungen immer: Gibt es ein ehrenamtliches Engagement? Diese Leute brauchen keine Kommunikationsausbildung – die bekommen sie dort. Es ist wichtig, dass man mitkriegt, wie es anderen geht. Links und rechts schauen und anderen helfen, das relativiert vieles.

Gibt es in der Anton Paar GmbH auch soziale Projekte?
MS: Mehrere! Eine langjährige Zusammenarbeit verbindet uns zum Beispiel mit Alpha Nova
(Alpha Nova ist eine gemeinnützige Organisation, die Menschen mit Beeinträchtigung darin unterstützt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Anm. d. Red.). Anton Paar beschäftigt 10 Mitarbeiter, die über diese Organisation zu uns gekommen sind. Ein leer stehendes Firmengebäude bietet 40 jugendlichen Flüchtlingen eine Wohnmöglichkeit. Und wir haben im Unternehmen einen „Sozialtopf“, wo MitarbeiterInnen Urlaubstage spenden können für Kolleginnen und Kollegen in schwierigen Zeiten. Das schafft Solidarität. Jeder hat einen Wert, unabhängig von dem, wie und was ich bin. Und jeder kann in eine Krise kommen. Es sind die Beziehungen, die uns lebensfähig machen.

 

Gaby Valentinitsch