Group 3

Wenn Eltern trauern

Ein Kind zu verlieren, gehört zu den schlimmsten Erfahrungen des Lebens. Egal, ob man es ganz früh durch eine Fehlgeburt verliert oder ob ältere Kinder sterben – mit dem Tod eines Kindes ändert sich alles. Zukunftsentwürfe und Lebensbilder sind plötzlich weg. Eine Flut von Gefühlen bricht mit ungeahnter Heftigkeit los. Schmerz, Wut, Ohnmacht, oft auch Schuldgefühle überfluten die verzweifelten Eltern. Partnerschaften kommen auf den Prüfstand und manchmal auch die ganze Lebensstruktur. Aber es ist wichtig, sich der Trauer zu stellen, um das seelische Gleichgewicht wiederzufinden.

Was bin ich noch ohne dich?
Viele, die einen nahen Menschen verloren haben, stellen sich diese Frage. Besonders dann, wenn es das eigene Kind ist. Dabei ist es völlig unerheblich, wie alt das Kind war. Eltern, die ihr Baby noch während der Schwangerschaft oder der Geburt verloren haben, haben dieses Gefühl genauso, ja vielleicht noch mehr als Eltern, die ein älteres Kind begraben müssen. Eltern empfinden sich ohne das verstorbene Kind nicht mehr als die, die sie vorher waren, oft genug nicht mehr als sie selbst. Das Selbstwertgefühl ist ihnen abhandengekommen, die Wertschätzung der eigenen Person gelingt nicht mehr. Kein Wunder, denn Eltern sind eben dadurch Eltern, dass sie Kinder haben. Kinder bedeuten neben Sorgen und Mühen auch sehr viel Lebensglück, eine Ahnung der eigenen Zukunft, die oft über das eigene Leben hinausreicht. Nach dem Tod eines Kindes stellt sich die Frage wieder neu: „Wer oder was bin ich überhaupt?“ Vielen fällt es schwer, sich daran zu erinnern, dass man schon vor der Geburt des Kindes jemand war, der zu anderen Menschen in Beziehung stand. Ein Partner oder eine Partnerin war und immer noch ist. Und manches Mal fällt es sogar schwer, sich daran zu erinnern, dass man doch noch für ein anderes Kind oder sogar mehrere Mutter und Vater ist. Die Betäubung, die der Verlust zunächst mit sich bringen kann, macht es oft unmöglich, den Schmerz des Verlustes zu spüren und damit auch sich selbst. Dadurch gehen aber auch Möglichkeiten verloren, in Kontakt zu anderen Menschen zu treten. Es ist ein langer Weg zu entdecken, dass es auch ein Leben nach dieser Katastrophe gibt.

Ein Platz für die Trauer
Zunächst gilt es, der Trauer Raum zu geben. Aber gerade in der ersten Zeit nach einem so schmerzlichen Ereignis fällt es vielen schwer, Gefühle zuzulassen. „Eltern, deren Kind vor seinem Tod schwer krank war und einen langen Leidensweg hinter sich gebracht hat, sind meist besser vorbereitet, weil sie länger Zeit hatten, sich auf den endgültigen Abschied vorzubereiten“, erklärt Karin Kasper, Hospizkoordinatorin für das Mobile Kinderteam Palliativbetreuung Graz. „Ihr Leid und ihre Trauer beginnen bereits mit der Diagnosestellung. Ihr Kind wird nie Fußball spielen, in die Schule gehen, mit Freunden herumtoben. Beim Tod des Kindes ist ein Teil der Trauer bereits gelebt. Ganz anders ist es, wenn ein Kind in der Früh aus dem Haus geht und nicht mehr wiederkommt. Das ist dann eine plötzlich auftretende, allumfassende Katastrophe.“ Die Umwelt reagiert oft verstört. Freunde und Bekannte ziehen sich zurück, weil sie nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Und die Eltern haben oft Angst, darüber zu reden, weil sie selbst nicht absehen können, welche Gefühle dabei hochkommen. Eine Möglichkeit ist die Teilnahme an einer Trauergruppe. Dort kann man sich mit anderen Betroffenen austauschen, erhält Unterstützung durch psychologisch ausgebildete Personen. Die Gemeinschaft vermittelt ein Gefühl der Geborgenheit. „Wichtig ist es herauszufinden, was gebe ich frei, was verabschiede ich an Lebensentwürfen, Visionen, Hoffnungen – und wo gebe ich Erinnerungen Raum und einen Platz“, sagt Beate Reiß, diplomierte Sozialarbeiterin und Leiterin der Plattform „Wenn Lebensanfang und Lebensende zusammenfallen“.

Die Wichtigkeit der Erinnerungen
„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“ (Jean Paul).
Die Erinnerung wird für „verwaiste Eltern“ immer ein wesentlicher Bestandteil ihres Lebens sein. Erinnerung an schöne Zeiten mit den verstorbenen Kindern, Erinnerungen an die schmerzlichsten Momente im Leben, an das Unfassbare, das Unnatürlichste. „Dem verstorbenen Kind einen Platz in der Erinnerung zu geben, ist für Eltern immens wichtig“, schildert Beate Reiß, „und oft haben sie Angst, dass ihr Kind von den anderen vergessen wird.“ Die Erinnerung wird immer schmerzlich sein, aber voller Wärme spüren sie, dass ihr Kind gelebt hat, egal wie lange sie es hatten. „Deswegen ist es auch z. B. für Eltern still Geborener so wichtig, ihr Kind zu sehen, es in den Arm zu nehmen, zu berühren und zu streicheln. Es ist nur eine ganz kurze Zeit, um sich als Familie erleben zu können, aber es schafft eine bleibende Erinnerung“, so Reiß, „und es ist auch gut, dem Kind einen Namen zu geben. So wird es auch später als Person wahrgenommen.“ Das gilt auch und ganz besonders dann, wenn Eltern infolge einer schwerwiegenden Diagnose selbst über einen Abbruch der Schwangerschaft und damit über das Leben oder den Tod eines Kindes entscheiden müssen. Diese Verantwortung zu tragen macht die Not größer und die Trauer komplizierter. In solchen Situationen ist es umso wichtiger, eine gute Begleitung in Anspruch zu nehmen.

Geteiltes Leid ist nicht halbes Leid
Wie kann man Schmerz teilen? Sind wir doch selbst zerrissen zwischen dem Teil von uns, der immer beim Kind bleiben will, der immer Erinnerung, Sehnsucht und auch Dankbarkeit bedeutet, und dem anderen Teil, der sich der Veränderung, dem „neuen“ Leben zuwendet. Sind diese Gefühle teilbar und wenn ja, mit wem? Die meisten Menschen in solchen Situationen sind vorsichtig geworden beim Mitteilen ihrer Gefühle. Sie öffnen sich nur gegenüber Menschen, denen sie vertrauen. Denn die Offenbarung des Schmerzes und der Trauer gibt unser Innerstes preis, macht angreifbar und verletzlich. Dennoch: Die Erfahrung des Verlustes mit anderen Menschen zu teilen, auch mit Menschen, die neue Freunde wurden, kann entlasten. Die Trennung von Weggefährten hingegen, die nicht mehr mit uns gehen, weil ihr Weg nicht mehr der unsere ist, schmerzt aufs Neue. Genauso wie Sätze, die trösten sollen, aber oft das Gegenteil bewirken. Anita W., Mutter von fünf (!) Sternenkindern: „Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn jemand sagt: Du hast eh schon ein gesundes Kind, oder: Die Zeit heilt alle Wunden. Wie soll die Zeit heilen, wenn sie doch für die Betroffenen stehen geblieben ist? Und kein Kind ist durch ein anderes ersetzbar! Dennoch macht Austausch leichter, gibt Kraft. Kraft, die wir brauchen, um wieder nach vorn zu schauen, uns dem Leben wieder zuzuwenden.

Für Geschwister ist es doppelt schwer
Mit dem Tod eines Bruders oder einer Schwester verlieren Kinder nicht nur ein Geschwister, sondern oft auch für eine Weile die Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Die sind in ihrem eigenen Schmerz gefangen und können die Trauer ihrer lebenden Kinder nicht sehen. Oder aber sie sind einfach nicht in der Lage zu reagieren. Auch Angehörige, Nachbarn oder Freunde bringen den Geschwistern meist geringere Aufmerksamkeit entgegen als den Eltern. Aber Geschwister haben eine jahrelange, enge Beziehung zueinander, auch wenn es nicht immer eine liebevolle war. Wenn die Schwester oder der Bruder nach jahrelanger Krankheit stirbt, haben diese Kinder oft eine lange Zeit des Rücksichtnehmens und ein Gefühl des Zukurzkommens hinter sich. Das verstärkt noch den Eindruck des Verlassenseins. Braucht doch auch ihre Trauer Ausdruck, auch sie wollen in ihrem Schmerz wahrgenommen werden. Sie sollen erfahren, dass ihre Gefühle respektiert werden und sein dürfen. Daher brauchen gerade Geschwister in diesen Zeiten besondere Zuwendung und die Möglichkeit, sich mit „Leidensgenossen“ auszutauschen. Das durchbricht ihre Isolation, in die sie aufgrund des Todesfalls oft kommen, und sie lernen, den Verlust zu verarbeiten.

Katharina Purtscher-Penz, ärztliche Leiterin der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie des LKH Graz-Süd-West, Standort Süd hat viel Erfahrung im Umgang mit trauernden Eltern und Kindern. Im Interview spricht sie über altersgemäße Erklärungen, unterschiedliche Emotionen und die Wichtigkeit freundschaftlicher Fürsorge.

Frau Purtscher-Penz, was bewirkt der Tod eines Geschwisters bei einem Kind?
PP: Das ist je nach Alter des Kindes unterschiedlich. Ein Kleinkind versteht den Zusammenhang noch nicht, aber es sieht die Trauer und Tränen der Eltern und das bewirkt Verunsicherung. Kinder im Vorschulalter verstehen den Tod als etwas Irreversibles, aber dass z.B. ein Kind bei einem Unfall stirbt, können sie noch nicht begreifen, weil in ihrem Weltbild nur alte Menschen sterben. Erst Jugendliche im Teenageralter haben ein Todesverständnis wie die Erwachsenen.

Trauern Kinder anders als Erwachsene?
PP: Grundsätzlich haben Kinder die gleichen Emotionen wie die Erwachsenen, sie drücken sich oft nur anders aus. Und es ist auch hier eine Altersfrage. Ein 8-Jähriger trauert punktuell, vermisst z. B. beim Einschlafen seinen Bruder sehr, kann aber beim Spiel mit Freunden wieder unbeschwert sein. Erst ab etwa zwölf Jahren haben junge Menschen auch ein anhaltendes Trauergefühl.

Wie kann man Kindern den Tod erklären oder begreiflich machen?
PP: Bei Kleinkindern wird man nicht viel reden, sondern ihnen eher körperliche Zuwendung entgegenbringen. Nähe und Zärtlichkeit sind jetzt wichtig. Ab dem Kindergartenalter ist es gut, die Dinge beim Namen zu nennen, nichts zu beschönigen. Stirbt ein Geschwister bei einem Unfall, kann man z.B. erklären, dass Hilfe da war, dass man alles für die Behandlung getan hat, aber die Verletzungen zu schwer waren.

Was hilft Kindern bei der Bewältigung des Verlustes?
PP: Grundsätzlich gilt: Je jünger, desto mehr Sicherheit und Geborgenheit brauchen sie. Älteren Kindern hilft es oft, wenn man sie an den Abschiedsritualen beteiligt oder etwas aussuchen lässt, das man dem verstorbenen Geschwister mitgeben kann. Ab dem Schulalter sollte man Kinder selbst entscheiden lassen, ob sie an den Trauerfeierlichkeiten teilnehmen wollen. Wichtig ist es in diesem Fall aber, für eine Betreuungsperson zu sorgen, mit der sie die Feier auch vorzeitig verlassen können, wenn es ihnen zu viel wird. Keinesfalls sollte man Kinder von allem fernhalten – die Ungewissheit belastet sie nur noch mehr.

Wie können Angehörige, Nachbarn, Freunde unterstützen?
PP: Vor allem den Kontakt aufrechthalten und dort helfen, wo man es kann. Unterstützung auch bei alltäglichen Dingen hilft oft schon. Einmal die Geschwisterkinder zu sich holen oder ein selbst gekochtes Essen bringen. Das erlebt die Trauerfamilie als Fürsorge und das tut gut.

Gaby Valentinitsch

Damit du Kind deinen Platz einnehmen kannst
Möge in unseren Herzen Raum sein
für die Trauer und den Schmerz,
jene Hinweise darauf,
dass wir jemand Wertvollen verloren haben.
Damit du, Kind, deinen Platz einnehmen kannst.

Möge in unseren Herzen Raum sein
für die Tränen,
damit sie geweint werden können,
und wir den Gefühlen ihren Lauf lassen können.
Damit du, Kind, deinen Platz einnehmen kannst.

Möge in unseren Herzen Raum sein
für die Erinnerungen,
die schmerzhaften und die berührenden,
die großen und die kleinen.
Damit du, Kind, deinen Platz einnehmen kannst.

Möge in unseren Herzen Raum sein
für die Hoffnung, dass es einen Ort gibt,
an dem jene, die so früh vor uns gingen,
empfangen werden.
Damit du, Kind, deinen Platz einnehmen kannst.

Möge in unseren Herzen Raum sein
für den Mut, neue Schritte zu wagen,
in der Gewissheit,
dass die kurze Begegnung mit dir uns gewandelt hat.
Damit du, Kind, deinen Platz einnehmen kannst.

Beate Margareta Reiß

Der Hospizverein Steiermark bietet Unterstützung und Begleitung für betroffene Familien an, in Gruppen, im Rahmen von Vorträgen und als Einzelbegleitung.
Kontakt und Auskunft: Hospizverein Steiermark, Albert-Schweitzer-Gasse 36, 8020 Graz. Tel: 0316 39 15 70, www.hospiz-stmk.at