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Den Tod aus der Tabuzone holen

Über die Entstehung des Lebens wissen Kinder und Jugendliche in der heutigen Zeit schon früh Bescheid. Aufklärungsunterricht und vielfältige Medien sorgen dafür. In allen Sparten der Wissenschaft ist das Thema präsent. Ganz anders aber sieht es mit dem Lebensende aus. Täglich sehen wir zwar Bilder über Krieg, Tod und Zerstörung, im Familienalltag hingegen kommt der Tod kaum vor. Sterben, Tod und Trauer sind im Umgang mit Kindern oft ein Tabu. Das Projekt „Hospiz macht Schule“ hat sich zum Ziel gesetzt, sich gemeinsam mit Jugendlichen an diese Fragen heranzutasten und ihnen Orientierungshilfen für den Umgang mit diesen oft totgeschwiegenen Themen zu geben.

Die Schweigemauer durchbrechen
Wer beschäftigt sich schon gerne mit Fragen, die das Ende unseres Lebens betreffen? Wer spricht schon gerne vom Tod? Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, es gibt in unserem Leben nun einmal nicht nur glückliche und fröhliche Tage. Wir können weder den Tod noch die Trauer aussperren. Viele Erwachsene haben im Laufe des eigenen Lebens keine offenen und ehrlichen Antworten auf ihre Fragen zu diesen Themen erhalten. Deswegen fällt es ihnen selbst schwer, mit ihren Kindern über diese Fragen zu sprechen. Anstelle einer offenen und ehrlichen Diskussion können sie oft nur betreten schweigen. Andere wieder lenken ab oder wollen ihre Betroffenheit überspielen. So kommt es, dass viele Kinder und Jugendliche sich mit ihren Empfindungen alleingelassen fühlen. Daher ist es hilfreich, wenn wir etwas über das Sterben wissen und über die Gefühle, die jeden Abschied begleiten.

VS Lödersdorf

Berührungsängste abbauen
Aufgrund der veränderten Familienstrukturen sind in der heutigen Zeit die Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche begrenzt, im geschützten Rahmen der Familie die Bedürfnisse schwerkranker und sterbender Menschen wahrzunehmen und Vorbilder für gelebte Trauer zu bekommen. Altsein, Kranksein und Sterben findet nicht mehr zu Hause statt, sondern verlagert sich zunehmend in Altenheime und Spitäler. Manche Eltern werden vielleicht der Ansicht sein, dass dies so gut sei. Sie wollen ihre Kinder möglichst lange von schmerzhaften Erfahrungen fernhalten. Dabei vergessen sie jedoch oft, dass auch das Leben junger Menschen nicht frei von Schmerz und Trauer ist. Sei es durch den Verlust von geliebten Haustieren oder auch durch die Konfrontation mit schwerer Krankheit und manchmal sogar Suizid im Freundeskreis.
All dies und nicht zuletzt ihre eigenen Erfahrungen, die sie als Kind beim Tod ihrer geliebten Großmutter gemacht hat, waren für die Initiatorin Monika Benigni Grund genug, das Projekt „Hospiz macht Schule“ ins Leben zu rufen. „Ich selbst war ein kränkliches Kind“, erzählt sie, „deshalb ging ich in eine Privatschule mit angeschlossenem Internat. Mit zehn Jahren erhielt ich plötzlich die Erlaubnis, nach Hause zu fahren, weil es meiner Großmutter schlecht ging. Sie war sehr krank, hatte Krebs, und wie sie dann zum Sterben war, hat es geheißen: ‚Kinder hinaus!‘ Dieses letzte Stück Abschiednehmen, das hat mir immer gefehlt. Wenn ich das einem Kind ersparen kann, ist schon viel erreicht.“

Monika Benigni

Eine Erfolgsgeschichte beginnt
Beim Hospizverein hat sich Monika Benigni schon sehr früh engagiert. „1999 war die Hospizidee noch wenig bekannt“, erinnert sich Benigni, die damals im LKH Bad Radkersburg und später auch als Trainerin in der Erwachsenenbildung gearbeitet hat. „Im Rahmen der Trainerausbildung sollte ich ein Konzept entwickeln, das auch für Sponsoren interessant war. Das war der Beginn des Projektes
,Lebensschule – Jugendliche begegnen dem Tod‛“. Es sollte ein Versuch sein, Angebote für versäumte soziale Erfahrungen zu geben, Hilfestellungen für konkrete, belastende Situationen aufzuzeigen und zu einem Nachdenken über „Leben und Sterben – Lachen und Weinen“ anzuregen. „Wir waren und sind überzeugt, dass wir in jungen Jahren den Samen für ein tieferes Verständnis und einen menschenwürdigen Umgang mit diesen elementaren Lebensthemen legen müssen“, so Benigni weiter.

Im Schuljahr 2002/03 startete mit Unterstützung der Schulbehörde die Umsetzung in Bad Radkersburg mit Schülerinnen und Schülern der 2. Klasse der Hauptschule und der 7. Klasse des BORG. Zugleich begann auch die ehrenamtliche Hospizbegleiterin Christine Bahr mit dem Projekt in der 7. Klasse des BORG in Bad Aussee. Mittlerweile ist „Hospiz macht Schule“ an über 50 steirischen Schulen angekommen und wird darüber hinaus meist im Rahmen von Religions- und Ethikunterricht, aber auch fächerübergreifend bereits in anderen Bundesländern eingesetzt.

Lebensblumen

Viele Bausteine bilden ein Haus
In den rund 15 Jahren, die seit dem Erstentwurf vergangen sind, hat „Hospiz macht Schule“ nicht nur eine wissenschaftliche Evaluierung durch die promovierte Psychologin und Universitätslektorin Monika Specht-Tomann durchlaufen. Es wurden auch die Inhalte als Module strukturiert. Diese Bausteine richten sich in ihrer Ausgestaltung nach den Rahmenbedingungen in den jeweiligen Klassen und können auch einzeln verwendet werden. Eingeflossen ist überdies das Wissen einer Arbeitsgruppe aus Fachleuten wie ÄrztInnen, PädagogInnen und professionellen BegleiterInnen. Gleich geblieben sind hingegen die Ziele, die Monika Benigni von Anfang an ein Herzensanliegen waren:

• Den Jugendlichen zu ermöglichen, den Tod als Teil des Lebens zu verstehen und anzunehmen.

• Die Jugendlichen zu einer angstfreieren, positiveren Einstellung zum Tod zu ermutigen.

• Sie sensibel zu machen für die Bedürfnisse leidender, sterbender und trauernder Menschen.

• Anregungen und Hilfestellungen für schwierige Lebenssituationen zu geben und Gefühle wie Angst, Wut und Traurigkeit durch Gespräche und Verständnis zu lösen.

• Jungen Menschen die Gelegenheit zu geben, ihre persönliche Einstellung zu Alter und Krankheit zu überdenken und

• sie anzuregen, gegenüber ihrem eigenen Leben und dem Leben anderer eine wertschätzende Haltung einzunehmen.

Die Reaktionen bei Schülerinnen und Schülern, die an dieser Aktion bereits teilgenommen haben, sind durchwegs positiv, wenn auch oft anfänglich Skepsis herrscht. Die Jugendlichen sind meist dankbar für die Möglichkeit, einmal ihre Gefühle frei zeigen zu können. Lehrausgänge ins Vinzidorf, in Alten- und Pflegeheime und auf Palliativstationen ermöglichen ihnen Einblicke in Lebenswelten, von denen sie in ihrem Alter meist noch kaum Kenntnisse haben. Und letztlich werden Berührungsängste abgebaut und soziale Fähigkeiten gestärkt. Für die beteiligten Lehrkräfte ist es eine Gelegenheit, das Thema Tod professionell begleitet von ausgebildeten ModeratorInnen in verschiedenen Gegenständen fächerübergreifend zu behandeln.
Gaby Valentinitsch

In der Modellschule Graz kommt „Hospiz macht Schule“ seit fünf Jahren regelmäßig in der 8.Klasse zum Einsatz. Georg Grossegger, Lehrer für Philosophie, Psychologie und Sport, und Harald Meindl, Pädagoge für Religion und Ethik, haben das Projekt inzwischen institutionalisiert. Im Gespräch berichten sie über ihre Erfahrungen, die Emotionen der Schülerinnen und Schüler und erklären, warum sie dieses Projekt auch anderen Schulen empfehlen.

Georg Grossegger
Harald Meindl

Wie sind Sie zu „Hospiz macht Schule“ gekommen?
G. G.: Vor fünf Jahren haben wir gemeinsam beschlossen, das Thema konkret anzugehen. Über den Lebensanfang wird viel diskutiert, aber nicht über das Lebensende. Das wollten wir ändern. Jetzt behandeln wir den Lebensanfang in der 7. Klasse und das Lebensende in der 8.
H. M.: Der Umgang mit dem Tod war mir immer schon ein Anliegen. Aber leider steht das in keinem Lehrplan. Irgendwann kam mir die Idee, einen Workshop zum Thema Sterbebegleitung und Sterbehilfe zu machen. Da wollten wir auch die Hospizidee dabeihaben. Ich habe dann Kontakt zum Hospizverein aufgenommen, denn es war uns wichtig, dass es dabei auch eine Außenperspektive gibt.

Wie waren die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler?
G. G.: Der Einstieg erfolgt immer über persönliche Erlebnisse. Da kommt dann plötzlich eine erstaunliche Ernsthaftigkeit, sie sind sehr betroffen. Aber in der 8. Klasse kennen sie sich schon sehr gut, das erleichtert es, Gefühle zu zeigen. Trotz der vielen Arbeit im Maturajahr sind sie aber dankbar für diesen Tag, dankbar, dass dieses Thema noch Platz hat.
H. M.: Die Rückmeldungen waren immer positiv. Natürlich ist es auch belastend, den eigenen Erlebnissen zu begegnen. Und es wird immer geweint.

Gab es kritische Stimmen bei den Eltern?
H. M.: Überhaupt nicht. Wenn Reaktionen kamen, dann waren sie ausschließlich positiv!

Würden Sie das Projekt auch anderen Schulen empfehlen?
G. G.: Auf jeden Fall. Schon deswegen, weil so etwas sonst nicht Thema ist. Und damit man auch weiß, an wen man sich wenden kann, wenn man selbst betroffen ist.
H. M.: Ja, weil das Leben in die Schulen gehört und sterben heißt ja fertigleben.

Persönliche Erfahrungen von Schülerinnen und Schülern:
„Anfangs dachte ich, dass ich für dieses Thema nicht viel übrighabe. Aber je mehr ich hörte, desto interessierter war ich. Vor allem die Berichte von Begleitungen gingen mir sehr nahe.“ Schülerin, 3. Klasse, HWL Feldbach

„Noch mehr Bildnerisches, noch mehr tun, das wäre gut.“ Schüler, HS Bad Radkersburg

„Ich finde es faszinierend, so ein Thema als Projekt angeboten zu bekommen.“ Schüler, 7. Klasse, Akademisches Gymnasium Graz

„Das Projekt hat mir einen guten Eindruck in die Hospizarbeit vermittelt. Ich glaube, dass ich seither mit dem Thema Sterben und Tod besser umgehen kann. Ich habe noch lange darüber nachgedacht.“ Schülerin, 3. Klasse, HWL Feldbach

„Das Pflegeheim, das war echt gut! Wir haben dort mit den Menschen geredet und sie alles fragen können – darauf haben wir uns auch vorbereitet.“ Schüler, Hauptschule KMS Graz-Puntigam