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Miteinander zurück ins Leben laufen

Es ist Oktober 2017. Der Start zum Graz Marathon steht unmittelbar bevor. Zwei Frauen halten einander an den Händen. Ihre Herzen klopfen laut bis in den hellblauen Herbsthimmel. Sie haben sich vorgenommen, diesen Lauf zwei Männern zu widmen, die nicht mehr da sind. Die eine ihrem Lebensmenschen, die andere ihrem Vater. Christiane O. und Heike B. sind sich sicher: „Gemeinsam sind wir stark“! Eine Geschichte über die heilende Kraft des Sports und eine besondere Freundschaft.

Wechselbad der Gefühle
Anfang Mai 2017 wird Christiane O.s Lebenspartner aus dem Krankenhaus entlassen. Krebs im Endstadium. „Wir können nichts mehr für ihn tun“, lautet die ärztliche Diagnose. Ein knappes Jahr haben Christiane und ihr Gerhard gemeinsam gekämpft. Umso schwerer ist jetzt die Gewissheit zu ertragen, dass es keine Hoffnung mehr gibt. Zu Hause ist alles vorbereitet. Ärzte, Palliativteam, Hauskrankenpflege und die gesamte Familie kümmern sich um den Kranken. Verwandte und Freunde kommen, um Abschied zu nehmen und um Christiane zu unterstützen, soweit es ihnen möglich ist. Eine Woche vor seinem Tod heiraten die beiden noch. Für die Ehefrau sind diese letzten gemeinsamen Tage eine besonders intensive Zeit. „Diese Frist geschenkt zu bekommen bis zum letzten Herzschlag, war eine unbeschreiblich intensive, schmerzerfüllt schöne Zeit“ erinnert sie sich. „Jede Pflege und jeder Handgriff waren gefüllt mit Liebe. Diese Liebe widergespiegelt in seinen Augen zu sehen war sein Geschenk an mich, das mir nun die Kraft gibt um weiter zu leben“.

Unterstützung
Zwei Tage vor dem Tod ihres Mannes meldet sich Heike B. vom Hospizteam Feldbach bei Christiane O. „Kann ich etwas für dich tun“? lautet die einfache Frage. Anfangs mit der Antwort fast überfordert findet Christiane O. in Heike B. bald eine große Stütze. „Für mich waren die Menschen in dieser intensiven Zeit wichtig, die genau gewusst haben wie ich mich fühle. Keiner kann dir Trost geben, der nicht eine Ahnung hat, wie du dich fühlst. Keiner kann verstehen, wie wichtig dir manche Dinge sind, der selber nie das Glück einer Sterbebegleitung erfahren hat – denn es war ein Glück, trotz allem“.

Eine Freundschaft entsteht
Einige Wochen nach dem Tod ihres Mannes verspürt Christiane O. das Bedürfnis, Heike B. zu schreiben. Sie treffen sich zum Frühstück, gehen gemeinsam spazieren, besuchen Veranstaltungen. Und sprechen miteinander über die Menschen, die sie verloren haben.
Denn auch Heike vermisst jemanden, den sie sehr geliebt hat – ihren Vater. Bald stellt sich heraus, dass beide gerne laufen und früher auch Marathon gelaufen sind. Von diesem Tag an laufen sie zusammen, trainieren bald auch gemeinsam für den Graz-Marathon. Es tut ihnen gut. „An die körperlichen Grenzen zu gehen, meine Muskeln zu spüren, war für mich extrem hilfreich“, erzählt Christiane O. „Mein Körper konnte wieder etwas anderes empfinden als nur den tiefen, seelischen Schmerz. So wie wir den Marathon geschafft haben, schafften wir es auch, die Trauer zuzulassen und in eine Form der Dankbarkeit umzuwandeln. Denn am Ende zählen die gemeinsamen Momente, die Erinnerungen und die Liebe. „Ohne den Kontakt zum Hospizverein aufgrund des Todes meines Mannes hätten Heike und ich uns wahrscheinlich nie getroffen und wären nie gemeinsam laufen gegangen. Wir hätten auch keine Medaille vom Graz-Marathon und wir hätten einander nicht“. Und auch Heike B. ist sich sicher: „Das Laufen tut uns beiden gut. Aufgestautes konnte sich lösen, Schreien aus tiefster Seele, Tränen und Lachen – alles war dabei“.

Aufbruch zu neuen Ufern
Natürlich haben es die beiden über die Ziellinie geschafft. 1:06 Stunden für 10,5 km. Jetzt haben sie sich ein weiteres Ziel gesetzt: Der Wien-Marathon ist bereits gebucht!