Einmal noch Weihnachten feiern

Da muss man zum Sterben sein, damit man es so schön hat“, strahlt Frau Lisa in ihrem Zimmer im Albert-Schweitzer-Hospiz in Graz. Mitte November ist sie hierhergekommen, auf eigenen Wunsch. Und blüht hier förmlich auf: „Die schönen Räume, das Licht, die Wärme, die freundlichen Menschen um mich herum – ich bin einfach nur glücklich!“

Lisa, 64, erzählt von der Vorfreude auf ihr wohl letztes Weihnachtsfest, von ihren Wünschen in der letzten Lebensphase und vom Lachen bis zuletzt.

Kurz vor dem Lockdown habe ich Frau Lisa, 64, noch zu Hause in ihrer Wohnung besucht. Sie hat mich mit einem strahlenden Lächeln und kräftiger Stimme empfangen: „Kommen Sie herein, legen Sie ab. Was darf ich Ihnen anbieten?“ Es überraschte, einer so agil wirkenden Frau zu begegnen. Ich wusste ja, dass sie nur mehr wenig Zeit zu leben hat. Frau Lisa ist Palliativpatientin. Ein Weg, den sie selbst gewählt hat, nachdem sie aus heiterem Himmel mit der Diagnose „Krebs, unheilbar“ konfrontiert wurde. „Ich war 59, erst kurz in Pension, als ich diesen Knoten in meiner Leiste spürte. Es war eine Metastase,“ erzählt sie. Nach der Operation und der Spezifizierung stand bald fest, dass es keine Heilung geben kann. Bald stellte sich der nächste bösartige Knoten ein. „Ich wollte nicht von einer Operation zur nächsten – und Chemos und Strahlentherapien über mich ergehen lassen, wenn die Chancen ohnehin bei Null waren. Das was mir vom Leben bleibt, möchte ich in möglichst guter Lebensqualität verbringen“, erklärt sie ihre Entscheidung für den palliativen Weg klar und selbstbestimmt.

Bis vor einem Jahr ging es Lisa einigermaßen gut, dann verschlechterte sich ihr Zustand zunehmend. „Im Moment kommen die Schmerzen immer öfter. Ich habe eine Schmerzpumpe“, deutet sie in Richtung der kleinen Apparatur. Um dann aber gleich wieder mit beeindruckendem Humor und Leichtigkeit von ihrem erfüllten Alltag zu erzählen – vom Stricken, Lesen und Filme schauen. „Die Haube für meine Enkelin ist mir zu klein geraten. Schade, aber jetzt hat sie eben ein anderes Kind bekommen“, lacht sie.

Birgit ist ein Glücksfall
Lisa lacht überhaupt viel und gern und am liebsten mit ihrer Hospizbegleiterin Birgit: „Wenn Birgit kommt, dann ist das immer etwas ganz Besonderes. Ich mag sie so sehr. Ich kann mit ihr über alles reden und wir haben so unglaublich viel Spaß miteinander. Sie ist ein Glücksfall. Und ich kann einfach nur Danke sagen, dass es sie und euch alle vom Hospizverein gibt!“ Ihre Augen fallen plötzlich auf das Bücherregal: „Die Biografie von Barack Obama habe ich gerade gelesen. Und „Moudie“ habe ich mir auch wieder angesehen. Das ist einer meiner Lieblingsfilme. Aber auch „Monsieur Claude und seine Töchter“ schaue ich mir gerne an. Und jetzt, um diese Zeit, Weihnachtsfilme. Auch die überladenen amerikanischen mit viel Tohuwabohu. Ich bin ein absoluter Weihnachtsfan. Das mochte ich immer schon. Kekse und Früchtebrot backen und Baum schmücken werde ich aber heuer nicht mehr können.“

Ich habe keine Angst vor dem Tod
Wünsche ans „Christkind“? Lisa zieht die Augenbrauen hoch, lächelt, schweigt. Und in diesem Moment meine ich in ihren Augen zu lesen und aus ihrem Schweigen zu hören: „Angesichts des Todes ist alles lächerlich“, dieses große Zitat des großen Thomas Bernhard. Dann durchbricht Lisa mit überschwänglicher Freude plötzlich die Stille und sagt: „Ein großer Wunsch ist mir kürzlich erfüllt worden, als ich zum 1. Geburtstag meiner Enkelin fahren konnte. Sonst wünsche ich mir nur, dass es meine Kinder gut packen, wenn ich gehen muss. Ja, das ist mir wichtig, dass sie nicht zu sehr darunter leiden. Ich habe ein sehr inniges Verhältnis zu meinen Kindern.“
Auf das Gehen hat sie sich intensiv vorbereitet: „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Bis jetzt nicht. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie kommen wird. Dafür habe ich mich schon zu eindringlich mit dem Thema beschäftigt. Ich hatte zwei Nahtod-Erlebnisse. Es wäre schön, wenn es jetzt so kommen würde, wie ich es damals schon erlebt habe. Einfach nur unendliche Ruhe und Frieden!“
All das erzählt Lisa ganz ohne Schwermut. Im Gegenteil: Es liegt etwas Leichtes, Klares, Reines in ihrer Stimme. Und etwas Humorvolles. Als ich gehe, ruft sie mir vergnügt nach: „Und schauen Sie sich unbedingt „Moudie“ an!

Die letzte Reise
Mittlerweile ist Lisa, so wie sie es sich gewünscht hat, für ihre letzte Reise im Albert-Schweitzer-Hospiz angekommen. Und obwohl dort für sie jeder Tag wie Weihnachten ist, kann sie den Heiligen Abend kaum erwarten. Im Sommer standen die Chancen diesen zu erleben mehr als schlecht. Jetzt hat sie gemeinsam mit ihrer Hospizbegleiterin Birgit schon ungeduldig das Zimmer geschmückt, eine Lichterkette aufgehängt: „Die ist so schön, die lasse ich die ganze Nacht hindurch brennen.“ Birgit hat ihr frische Tannenzweige gebracht: „Die duften herrlich!“ Und Kekse. Und Birgit hat Lisa bereits vor Weihnachten einen ganz großen Wunsch erfüllt: Bei ihr zu bleiben, da zu sein und mit ihr zu lachen – bis zuletzt.

(Johanna Vucak)