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Bist du auch eine Oma?

Evelyn Spannring (75), Mutter, vierfache Oma und Uroma, ist Teamleiterin des Hospizteams Kapfenberg. Für die Bruckerin ist das Begleiten von sterbenden Menschen und deren Angehörigen ein Geschenk zwischen Himmel und Erde.

VON JOHANNA BIRNBAUM

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Frau Spannring, Sie sind seit 1999 beim Hospizverein tätig, seit 2007 als Teamleiterin. Wie sind Sie eigentlich zu dieser ehrenamtlichen Tätigkeit gekommen?
EVELYN SPANNRING: Ich habe schon 1986 begonnen, beim Roten Kreuz mitzuarbeiten, 26 Jahre davon als Transportführerin. Da habe ich schon festgestellt, dass ich einen guten Zugang zu Menschen bekomme, vor allem in schwierigen Situationen.

Sprechen Sie die Menschen an oder lassen Sie einfach geschehen?
SPANNRING: Das habe ich im Gefühl. Wichtig ist, in die Augen der Menschen zu schauen. Dann spüre ich, wie es ihnen geht, ob sie reden wollen oder nicht. Es geht mir immer um die Menschen. Das ist wichtig und das spüren die Betroffenen auch.

Sie erleben viele schwierige Situationen, wenn Sie Menschen, die mit dem Tod konfrontiert sind, begleiten. Woher nehmen Sie die Kraft dafür? Leidet man nicht immer mit?
SPANNRING: Nein, ich leide nicht mit, ich fühle mit. Das ist ein großer Unterschied. Für mich bedeutet es sehr viel, wenn ich spüre und mitbekomme, dass meine Begleitung angenommen wird und sich die Menschen öffnen. Daraus schöpfe ich auch Kraft. Dabei muss aber immer ein gewisser Abstand gehalten werden. Wichtig ist jedoch auch mein Team in Kapfenberg. Wir sind wie eine Familie und das hilft auch sehr.

Sind Sie rund um die Uhr eine Begleiterin?
SPANNRING: Wenn es notwendig ist, aber ich brauche auch Zeit für die Natur, meinen Garten und meine Tiere. Ich habe zwei Hunde, 13 Katzen und auch Vögel. Das Leben ist ja im Grunde wie die Jahreszeiten, es gibt einen Frühling, einen Sommer, einen Herbst und einen Winter. Das hilft mir auch bei der Arbeit im Hospizteam.

Sie haben schon so viele Menschen begleitet. Merkt man sich da besonders zu Herzen gehende Schicksale?
SPANNRING: Ja, natürlich. Und es freut auch sehr, wenn etwas gelingt, was man nicht für möglich gehalten hätte.

Was zum Beispiel?
SPANNRING: Ich wurde einmal gebeten, mich eines älteren Herren anzunehmen, der im Sterben war. Er hatte zwei Söhne, wobei er zu einem schon seit Jahren überhaupt keinen Kontakt hatte. Sein größter Wunsch war es aber, diesen einen Sohn noch einmal zu sehen. Ich habe Kontakt aufgenommen, habe dem Sohn die Situation erklärt, und dieser ist tatsächlich mit ins Krankenhaus gekommen. Das Aufeinandertreffen war unglaublich. So etwas nimmt man mit.

Betreuen Sie auch Kinder? Ist das nicht besonders schwierig?
SPANNRING: Ja, ich betreue auch Kinder, und ich persönlich finde, dass diese leichter zu begleiten sind als Erwachsene.

Wie bekommen Sie den richtigen Draht zu Kindern?
SPANNRING: Das weiß ich nicht, ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie mir vertrauen, dass sie mich mögen. Ein kleiner Bub, dessen Schwester verstorben war, kam auf mich zu und sagte nur: Bist du auch eine Oma? Dann setzte er sich auf meinen Schoß, und wir plauderten. Und wir schauten uns die Sterne an, denn ich habe ihm erklärt, dass der hellste Stern dort oben am Himmel der sei, auf dem seine Schwester nun sei. Das hat ihm gefallen.

Wo ist Ihr Wirkungsfeld?
SPANNRING: Ich bin in den Palliativeinrichtungen in Mürzzuschlag und in Leoben tätig, aber ich komme auch ins Haus, wenn das gewünscht ist. Das machen wir eigentlich alle so.

Ist Ihnen schon passiert, dass jemand gar keinen Kontakt wollte?
SPANNRING: Nein, eigentlich nicht.  Es passiert manchmal, dass jemand nicht reden will. Das habe ich schon erlebt, aber wirklich abweisend war noch niemand. Ich kann das gut akzeptieren. Ich spüre aber auch, dass einfach da sein und danebensitzen auch hilft. Das wird auch angenommen.

Was bedeutet für Sie Ihre Arbeit im Hospizverein?
SPANNRING: Jemanden zu begleiten ist für mich ein Geschenk. Wenn der Mensch sich in einer für ihn so schwierigen Situation öffnet und zu erzählen oder reden beginnt, sich streicheln lässt oder einfach nur gehalten werden will, dann ist das ein großes Geschenk, aus dem ich wieder Kraft schöpfe.

Johanna Birnbaum, geboren 1964 in Kapfenberg, aufgewachsen in Thörl mit zwei älteren Geschwistern und wunderbaren Eltern
Schule: VS Thörl, Gymnasium Bruck, Borg Kinderberg, Studium an der Universität Wien: Sinologie (drei Jahre), Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie Publizistik, zweiter Abschnitt, nicht abgeschlossen
Seit 1991: freie Mitarbeiterin bei der Kleinen Zeitung in Bruck an der Mur, Judenburg, Leoben
Seit 1995: angestellte Redakteurin
Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch und noch etwas Chinesisch
Hobbys: Oper, Musiktheater, Theater, Reisen, Eishockey und Zeit mit Nichten, Neffen und Patenkindern verbringen