Group 3

Hospiz im Gespräch

Ich würde es immer wieder tun,
Menschen im Rahmen des Hospizvereines zu begleiten

Elisabeth Breidler, wird im August 2015 58 Jahre alt, wohnt in Kapfenberg-Redfeld, ist verheiratet, hat zwei Söhne (32 und 39 Jahre alt) und drei Enkelkinder. Sie war beruflich im Einzelhandel tätig und ist nun in Pension.

VON JOHANNA BIRNBAUM

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Am Foto: Johanna Birnbaum und Elisabeth Breidler  im Gespräch (v.l.).

Frau Breidler, wie kommt man dazu, sich in der Hospizbewegung zu engagieren? Es gibt ja auch andere soziale Bereiche, warum ausgerechnet diese Art der Betreuung und Begleitung?
EB: Ich war immer ein sozialer Mensch und anderen Menschen gegenüber immer hilfsbereit. Durch Todesfälle in meiner Familie und auch in meinem Bekanntenkreis wurde ich eigentlich gezwungen, mich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Man verdrängt das ja lieber, obwohl das Sterben einfach auch zum Leben dazugehört. Besonders geprägt in dieser Hinsicht hat mich der Tod meiner Mutter, die Bauchspeicheldrüsenkrebs hatte und innerhalb von zwei Monaten verstorben ist. Es war sehr traurig, aber gleichzeitig schön, weil ich bis zum Schluss bei ihr sein konnte. Das hat ihr viel gegeben und mir auch,

Ist das nicht besonders schwer, man bewegt sich doch ein einem emotionalen Ausnahmezustand, wenn man jemanden Nahen gehen lassen soll, muss?
EB: Es war sehr schwer, aber es war gut, dabei sein zu dürfen. Ich habe dabei schon festgestellt, dass ich, neben all meiner eigenen Betroffenheit und Traurigkeit, einen sehr guten Draht zu den Menschen habe, die selbst schwer krank waren und auch zu deren Angehörigen.

Wurde das immer von den –menschen angenommen, nicht alleine zu sein. Manche sind vielleicht doch lieber alleine?
EB: Angenommen wurde das immer, außer bei meiner Tante. Da war ich gerade einmal für zehn Minuten, als sie gestorben ist. Im Nachhinein denke ich mir, dass das für sie wahrscheinlich der richtige Weg war. Sie wollte in diesem Moment alleine sein. Auch das ist zu akzeptieren. Dann ist der Gedanken entsprungen, dass ich die Ausbildung mache.

Wann haben sie dann angefangen, im Team des Hospizvereines zu arbeiten?
EB: Ich habe 2006 mit der Ausbildung begonnen und diese auch abgeschlossen. Dann kamen leider 2007 große Probleme mit einem Knie, die operiert werden mussten. Ich war ein Jahr lang im Krankenstand und hatte da keine Möglichkeit, mitzuarbeiten. Seit einigen Jahren geht es wieder und es bereitet mir große Freude. Einigen in meinem Kurs haben die Ausbildung nur für sich selbst gemacht, ich habe aber immer gewusst, wenn ich das mache, dann werde ich das auch einmal praktizieren.

Sie sind im Team Bruck engagiert. Wie muss man sich das vorstellen? Werden sie von Angehörigen kontaktiert oder vom Verein?
EB: Wir werden vom Team aus gefragt, ob wir diesen oder jenen betreuen wollen und können. Es ist bei mir derzeit so, dass ich nicht wirklich sterbende Patienten habe. Sie sind aber schwerst bis unheilbar krank.

Sie sind aber dann auch ein Fixpunkt im Leben der zu Betreuenden?
EB: So ist es, aber auch sie für mich. Es sind einfach so wunderbare kleine Dinge. Ich begleite gerade eine 94-jährige Dame, die ich betreue. Sie hört und spricht sehr schlecht. Wenn ich ihr beim Essen behilflich bin, dann will sie mit mir kommunizieren und verständigt sich auf ihre Weise mit mir. Sie will auch, dass ich dann esse, noch bevor sie ist. Sie will sich auf ihre Art und weise um mich kümmern. Das ist sehr berührend.

Wie viele Menschen betreuen sie derzeit?
EB: Ich kümmere mich zurzeit um zwei Frauen. Es kommt immer auf den Fall drauf an, wie zeitintensiv es ist. Ich gehe einmal in der Woche hin und bin dort einige Stunden. Aber dabei bleibt es ja nicht, denn, wenn ich in das Heim komme, dann warten ja auch schon andere Frauen und Männer, mit denen ich kurz plaudere. Es gibt ein paar Worte da, ein paar lustige Episoden dort. Sie freuen sich alle, mich zu sehen. Das ist schön und gibt Kraft.

Sie strahlen sehr, wenn sie das erzählen, ihre Augen leuchten und sie machen einen so offenen Eindruck. Bekommen sie das so mit?
EB: Ja, auf jeden Fall. Ich betreue noch eine Dame, die sich durch ihre Erkrankung nicht mehr bewegen kann, Wir verständigen uns mit den Augen. Ich verstehe sie und sie mich.

Man muss also besonders einfühlsam sein, wenn man im Hospizteam arbeitet?
EB: Ja, auf jeden Fall. Man muss sich auf die Menschen, denen man in ihrer schweren Zeit helfen will, einlassen. Das ist die größte Voraussetzung. Und, dass man von Herzen sehr gerne hingeht. Ich nehme auch für mich so viel mit. Es ist oft nur ein Lachen, ein Händedruck oder das Strahlen in den Augen.

Wie schwer ist es dann, Abschied zu nehmen von Menschen die einem ja ans Herz wachsen?
EB: Mit hilft dabei, dass ich mich spirituell sehr weiterentwickelt habe. Ich glaube fest daran, dass es in der geistigen Welt weitergeht. Natürlich ist der Verlust der Person da und macht traurig und betroffen, aber ich lasse sie oder ihn gehen. Aber ich weiß, es geht weiter, und der Mensch ist im Licht und ist dort aufgehoben. Ich stelle mir das so vor wie bei der Geburt. Da kommt man zur Welt und wird dabei auch begleitet. Meine KollegInnen und ich sind dann Begleiter, wenn es mit dem Leben zu Ende geht.

Haben sie festgestellt, dass Menschen Begleitung durch das Hospizteam am Ende des Lebens mittlerweile vermehrt annehmen?
EB: Es ist noch immer ein bisserl ein Tabuthema. Ich denke, es ist oft einfach die Angst und Unsicherheit der Angehörigen. Wie gehe ich damit um, wie lasse ich los? Sich mit dem Tod zu beschäftigen, wird oft verdrängt.

Sie betreuen auch die Angehörigen mit?
EB: Manchmal, aber dazu kommt es oft nicht. Ich hatte einmal ein so nettes Erlebnis. Ich betreute einen älteren Herrn, der mir eines Tages erklärte, dass er nicht wisse, wie er seiner Frau erklären solle, dass er jetzt eine Freundin habe. Ich habe ihm gesagt, dass er ihr das ruhig sagen könne. Sie hat ja ohnehin gewusst, dass es mich gibt, weil ja die Angehörigen gefragt werden, ob es eine zusätzlich Begleitung geben soll. Ich so viele wunderbare Erlebnisse.

Wie alt war ihr jüngster Patient?
EB: Eine 50-jährige Frau, sehr schwer erkrankt. Da komme ich natürlich auch manchmal an meine Grenzen. Ich hole mir aber die Kraft bei meiner Familie. Bei meinem Mann, meinen Kindern, den Enkelkindern, bei meinen Freundinnen, bei einer besonders. Mit ihr tausche ich mich viel aus. Diese junge Patientin hat aber trotz ihres Schicksals so ein Strahlen und ist so mitten im Leben.

Was ist das Wichtigste beim Betreuen von Menschen, die so schwer krank sind?
EB: Respekt, Wertschätzung und Einfühlungsvermögen. Das Zuhören, einfach das Fingerspitzengefühl. Ich gehe nicht hin und nehme mir vor, das und das mache ich heute. Ich gehe hin und lasse geschehen. Es zählt das „Was-kann-heute-sein“.
Ich bin zu einhundert Prozent bei den Menschen, die ich betreue. Ich lerne ja auch so viel, bei jeder Begegnung.

Würden Sie sich wieder für diese ehrenamtliche Betreuungstätigkeit im Hospizteam entscheiden, wenn sie noch einmal vor der Wahl stünden?
EB: Ja, auf jeden Fall.

Danke für das Gespräch!