Ein vielsprachiger Geburtstag
Was wünscht man sich zum 90. Geburtstag? Oft nicht mehr viel. Ein paar gute Jahre noch, einigermaßen gesund zu bleiben, ohne Schmerzen. Ein bisschen Aufmerksamkeit. Einen schönen Tag im Kreise seiner Lieben. Frau Pepi K., eine betagte Dame, die ich einmal wöchentlich im Altersheim ihres Wohnortes besuche, hatte zu ihrem bevorstehenden 90er einen sehr speziellen Wunsch. Die Geschichte eines besonderen Geburtstages.
Rita Guschelbauer, ehrenamtliche Mitarbeiterin im Team Schladming mit Frau Pepi K.
Zwei Wochen davor
Besuchstag. Nach der Begrüßung kamen wir auf den Geburtstag zu sprechen und Pepi hatte mich dazu eingeladen. Gerne sagte ich zu. „Rita, ich wünsche mir nämlich etwas von dir“, kam es lächelnd von Pepi. „Ich habe vor ein paar Wochen etwas Wunderschönes im Radio gehört. Da wurde auch einer Frau zum 90er gratuliert und das Kirchenlied ,Großer Gott, wie groß bist du‘ gesungen, aber auf Englisch! Das möchte ich auch gerne für mich. Du kannst doch so gut organisieren. Du schaffst das bestimmt und ich würde mich so freuen!“ „Pepi versteht doch kein Englisch“, ging es mir durch den Kopf und: „Hoffentlich reicht die Zeit noch.“ Egal, ich versprach, mein Bestes zu geben.
Intensive Vorbereitungen
Noch am gleichen Tag schrieb ich eine Mail an den ORF Steiermark mit der Bitte, dieses Lied am 12. Februar mit einer Gratulation für Pepi zu senden. Was aber, wenn es nicht so funktionierte wie geplant? Eine enttäuschte Pepi würde den ganzen Tag vor ihrem Radio sitzen und warten. Das wollte ich auf keinen Fall! Ich brauchte also einen Plan B. Nachdem mein erster Versuch, unseren Kirchenchor einzubinden, aus Termingründen gescheitert war, versuchte ich es bei Johanna, einer guten Bekannten und langjährigen Chorsängerin. Sie sagte zu. Unter der Bedingung, dass ich ihr Text und Noten besorgte, würde sie auf Pepis Geburtstagsfeier persönlich das Lied vortragen.
Der große Tag
Herzklopfen! Würde alles gelingen? Gegen Mittag der erlösende Anruf vom Radiosender: Die Gratulation für Pepi wird gesendet! Um 12.30 Uhr ein trauriger Anruf von Pepi: „Ich sitze schon den ganzen Tag vor meinem Radio und getraue mich nicht, aus meinem Zimmer zu gehen, damit ich ja nichts verpasse. Bis jetzt ist nichts gesendet worden. Sie haben es sicher vergessen!“ „Pepi, leg den Hörer ganz schnell auf, sonst verpasst du es zum Schluss noch! Es ist ja noch nicht 13 Uhr und es kann immer noch kommen!“ Wir hatten unser kurzes Telefonat kaum beendet, da kam auch schon die Durchsage mit der Gratulation für Pepi und das Lied – in spanischer Sprache. Gleich darauf läutete mein Handy und ich hörte Pepis zittrige Stimme: „Vielen, vielen Dank, ich habe es gerade gehört. Da muss ich 90 werden, um so etwas Wunderbares geschenkt zu bekommen!“ Ich freute mich mit Pepi und bat sie, sich jetzt für die Feier am Nachmittag ein wenig auszuruhen.
Um 15 Uhr trafen Johanna und ich im Altersheim ein. Als sich Familie, Freunde und das Geburtstagskind an der liebevoll geschmückten Tafel versammelt hatten, erklang das Lied zum zweiten Mal, aber jetzt auf Englisch. Danach totale Stille – dann tosender Applaus.
Nach einer Umarmung bedankte sich Pepi bei Johanna mit den Worten: „Liebe Johanna, ich danke dir vielmals, aber auf Deutsch wäre es eigentlich auch ganz schön gewesen.“
Einige Tage später ist Johanna dann noch einmal zu Pepi gegangen und hat ihr in ihrem Zimmer das Lied nochmals auf Deutsch vorgesungen. Den Text hat sie Pepi überlassen.
Rita Guschelbauer