Group 3

Der erste Blickkontakt entscheidet darüber, ob es funktioniert.

Ein schmuckes Einfamilienhaus in Voitsberg, ein liebevoll gepflegter Garten. Alles strahlt Herzlichkeit aus. Dieselbe Herzlichkeit, mit der Gerlinde Böck, seit 15 Jahren Hospizbegleiterin, ihre Besucher empfängt. Im Gespräch schildert sie, warum sie sich für diese Ausbildung entschieden hat, wie wichtig Ehrlichkeit ist und welche Herausforderungen sie immer wieder meistern muss.

Gerlinde Böck mit Frau Rosa L.

In ihrem Beruf als Krankenschwester auf der Pflegestation der Chirurgie hat sie viele Menschen leiden sehen und auch sterben. Schon damals empfand sie den Umgang mit diesen Patienten oft als unmenschlich und hat für sich einen Weg gesucht, ihnen ihre Leiden zu erleichtern. „Früher war Schmerztherapie noch überhaupt kein Thema, die Menschen haben oft so gekämpft. Es gab keine Intimität, keine menschliche Unterstützung. Da hat sich durch die Palliativ- und Hospizarbeit viel verbessert, die Menschen sind sensibler geworden, das Sterben menschlicher.“ Und plötzlich war sie selber betroffen. Ihre Stiefmutter war schwer krebskrank und sie hat ihr Hoffnungen gemacht, große Hoffnungen, obwohl es keine Hoffnung mehr gab. „Das war unehrlich! Sie wusste ja, dass ich vom Fach bin, und ich kannte ihre Erkrankung. Und ich habe ihr Hoffnungen gemacht, zu einem Zeitpunkt, als sie sich schon mit dem Tod beschäftigt hat und zu gehen bereit war. Damit konnte ich überhaupt nicht umgehen. Diese Hilflosigkeit, was tue ich jetzt, was sage ich jetzt? Dabei ist es mir nachher noch schlechter gegangen, weil ich das Gefühl hatte, sie wusste, ich lüge sie an.“ Nach dem Tod ihrer Stiefmutter hat sie die Hospizausbildung begonnen. Das Seminar, sagt sie, sei sehr bereichernd gewesen. Es habe sie offener gemacht und ihr einen anderen Zugang zu dieser Thematik gegeben. Selbstreflexion habe sie gelernt, Dinge aus der Kindheit aufgearbeitet. „Alles war interessant und spannend.“

Während der Ausbildung begleitete sie ihre Nachbarin. So intensiv, dass sie das Gefühl hatte, dass sie darauf gewartet habe, in ihren Armen zu sterben. „Ich hatte einen Termin in Graz“, erinnert sie sich, „und wollte erst am Nachmittag zu Rosi. Plötzlich war das Gefühl da, ich muss zu ihr. Es ging ihr schon sehr schlecht, ich hab ihr noch etwas zu trinken gegeben. Danach hat sie mich noch einmal groß angeschaut und ist gegangen. Diesen letzten Blick voller Dankbarkeit, diese offenen Augen werde ich nie vergessen.“

Jede neue Begleitung ist auch eine Herausforderung. Natürlich bereitet man sich vor, informiert sich über den Patienten, die Diagnose, das Umfeld. Aber es gibt auch Situationen, wo man hinkommt und fast gar nichts weiß. Das erste Zusammentreffen ist immer aufregend. Wie wird es sein? Gelingt es gut? Oder geht man weg mit dem Eindruck, das wird schwierig? „Der erste Blickkontakt gibt beiden schon ein Gespür: Es passt oder es passt nicht. Aber eine Begleitung nützt nur, wenn die Chemie passt und wenn man sich öffnen und ehrlich sein kann. Offenheit ist das Allerwichtigste. Auch sagen zu können, wenn man Probleme hat.“

Das Abgrenzen, berichtet Frau Böck, sei manchmal noch immer schwierig. Das Zeitmanagement, das Familienleben der Begleiteten. Die Enttäuschung, wenn Angehörige, Kinder nicht kommen, obwohl sie sehnsüchtig erwartet werden. Da lässt sie sich mitunter zu leicht hineinziehen, bleibt länger als die vereinbarte Zeit, fühlt Betroffenheit, manchmal Ohnmacht. „Da muss ich aufpassen, dass ich das nicht zu nah an mich heranlasse.“

Das Berührendste an ihrer Tätigkeit sei das Gefühl, den Begleiteten noch schöne Stunden geschenkt zu haben. „Man spürt so viel Dankbarkeit, sie vermitteln einem das Gefühl, glücklich zu sein.“

Die Familie, sagt sie, habe sich schon gewundert, warum sie sich das zusätzlich zu ihrem Beruf antue. Aber dieses Wegsein von Beruf und Familie habe auch etwas Positives. „Man macht sich selber frei von den eigenen Gedanken und konzentriert sich ganz auf die Patienten. Und man freut sich, wenn sie noch kleine Fortschritte machen.“ Das und die Gemeinschaft im Team würden sie motivieren, immer wieder Ja zu sagen, da zu sein.

Gaby Valentinitsch

Gerlinde Böck
geb. am 28.4.1958
Erlernter Beruf:
Krankenschwester
Sternzeichen:
Stier
Hobbys:
Gartenarbeit, Rad fahren, lesen, wandern
Ein guter Tag beginnt mit:
Licht, Sonnenschein und Wärme.
Glück ist für mich:
Gesund und agil zu sein und eine gesunde  Familie zu haben.
Leitsatz: Wer rastet, der rostet