Befreit fällt der Abschied leichter
Dann und wann erleben wir, dass Menschen anscheinend nicht sterben können, obwohl es ihnen sehr schlecht geht. Sie scheinen sich regelrecht an das Leben zu klammern. Es ist fast so, als hätten sie noch etwas zu erledigen oder würden auf etwas oder jemanden warten. Erfüllt sich jedoch diese letzte, vielleicht unbewusste Sehnsucht, können Sie meist bald und vor allem leicht gehen. Wie wichtig und befreiend das „Abwerfen“ von seelischem Ballast ist, zeigt die Geschichte von Simon P. Isabella Lettner vom Hospizteam Murau hat ihn in seinen letzten Lebensmonaten begleitet.

Aller Anfang ist schwer
„Er ist 88 Jahre alt, hat keine Angehörigen, nur einen Neffen, der zwei- bis dreimal im Jahr auf Besuch kommt. Er ist sehr eigen und lässt niemanden an sich heran.“ Mit diesen wenig ermutigenden Informationen begann Isabella Lettner im Mai 2014 ihr Hospizpraktikum im nahen Seniorenheim. Ihr erster Besuch bei Simon fiel dementsprechend aus. Er würde nichts unterschreiben und Geld hätte er auch keines für eine etwaige Bezahlung, ließ Simon gleich zu Beginn wissen. Erst als Isabella Lettner von sich und ihrer Familie erzählte, begann auch er langsam zu sprechen. Simons Leben war geprägt von Sorgen, Armut, aber vor allem von Angst. Er wurde 1926 in triste Familienverhältnisse hineingeboren. Der Vater Alkoholiker, der immer wieder seiner Sucht verfiel. Das Geld war manchmal so knapp, dass es nichts zu essen gab. Mutter und Geschwister litten unter ständiger Angst. Als die Mutter schließlich wegen der Alkoholsucht des Vaters schwer nervenkrank wurde, hatte er wahnsinnige Angst, dass sie ins KZ kommen würde. Zwischendurch kamen ihm bei seinen Erinnerungen die Tränen.
Vertrauen entsteht
Mit der Fortdauer der Besuche begann Simon, sich langsam zu öffnen, er wurde umgänglicher. Stets drehten sich die Gespräche um sein Aufwachsen, seine Familie und vor allem um seine Ängste. Sein Leben lang fühlte er sich verantwortlich für seine Mutter und seine Geschwister. Als seine Schwester ungewollt schwanger wurde, stand er ihr genauso bei wie seinem jüngeren Bruder, der in seinen Armen starb. Nur von der Mutter konnte er sich nicht verabschieden, sie starb im Krankenhaus. Das hat ihn sein ganzes Leben lang bedrückt. Aber im Laufe der Zeit änderte sich Simons Verhalten. Hatte er anfangs während seiner Erzählungen zur Decke gestarrt, hielt er jetzt immer mehr Augenkontakt. Er bot Isabella Lettner das Du-Wort an. Schließlich gab es sogar gemeinsame Spaziergänge. „Es stimmte mich glücklich, dass er nun annehmen konnte, dass meine Tätigkeit nichts kostet, dass er die Zuckerln lutschte, die ich ihm mitbrachte, den Speck aufaß, den ich in den Kühlschrank legte, und die Zeitung, die ich mitbrachte, wissbegierig las“, erinnert sich Isabella Lettner. „Als Simon mir Wochen später sagte, dass es ihm so leicht ums Herz sei und dass er sich richtig wohlfühle, seit er mir sein Leben anvertraut hatte, erfüllte mich das mit großer Freude und Dankbarkeit.“
Emotionaler Abschied
Im März 2015 kam Simon mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus. Als die Ärztin Isabella Lettner zu verstehen gab, dass man nichts mehr für ihn tun könnte, bat sie darum, ihn nach Hause ins Seniorenheim zu entlassen. „Am Gründonnerstag kam er im Heim an und drückte immer wieder dankbar meine Hand“, schildert Isabella Lettner. „Die Osterfeiertage verbrachte ich bei Simon. Es waren sehr emotionale Tage. Wir haben viel gebetet, aber auch geweint. Geredet hat er nicht mehr viel. Als ich am Ostermontag zu ihm ging, spürte ich, dass es wohl bald zu Ende gehen würde. Ich hielt seine Hände und betete leise. Wenig später machte er seinen letzten Atemzug und vom rechten Auge rannen Tränen über seine Wange. Es war nicht immer leicht mit Simon, aber wenn ich daran denke, was meine Begleitung bei ihm bewirkt hat, so war es alle Mühe wert und ich möchte keine Minute dieser wunderbaren Zeit mit ihm missen.“
Gaby Valentinitsch