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Sinnfindung und Spiritualität am Lebensende

Was kann am Ende des Lebens oder im Falle einer schweren Krankheit noch Sinn geben? Welche Rolle spielen dabei spirituelle Faktoren? Und was verstehen die Betroffenen unter Spiritualität? Eine Studie des Instituts für Moraltheologie der UNI Graz ist diesen und ähnlichen Fragen nachgegangen und hat dazu ehrenamtliche HospizbegleiterInnen des Hospizvereins Steiermark befragt. Die Ergebnisse geben nicht nur Einblicke in mögliche Sinnquellen am Lebensende, sondern zeigen auch die breite Bedeutungsvielfalt des Begriffs Spiritualität.

© Ingrid Wieser

Welche Bedürfnisse haben Menschen am Lebensende?
Die Studie hat sich zum Ziel gesetzt, zu einer Vertiefung des Wissens über die Bedürfnisse von Menschen am Lebensende beizutragen. Sie näherte sich diesem Ziel indirekt über die Erfahrungen von ehrenamtlichen HospizmitarbeiterInnen, deren „Sterbewissen“ in empirischen Studien bisher noch wenig untersucht worden ist. Vor diesem Hintergrund wurden im Frühjahr 2017 zwölf qualitative Interviews mit ehrenamtlichen HospizbegleiterInnen des Hospizvereins Steiermark geführt (je sechs Frauen und Männer), in denen diese über ihre Erfahrungen in der Begleitung von Menschen am Lebensende zu den Bereichen „Lebenssinn“ und „Spiritualität“ befragt wurden.

Zunächst ist nach konkreten Situationen gefragt worden, in denen die HospizmitarbeiterInnen im Rahmen ihrer Begleitung Momente von Sinnerfüllung und Lebensfreude bei Menschen am Lebensende wahrgenommen haben. Aus den Interviews hat sich eine Reihe von Sinnquellen kategorisieren lassen, die aus der Sicht der Befragten für Sterbende von Bedeutung seien. Dazu zählen vor allem „Kommunikation und Verbundenheit mit Mitmenschen“, „Naturerfahrungen“ sowie „Spiritualität und Religiosität“. Die Entstehung von Sinnkrisen führen die Befragten vor allem auf drei Faktoren zurück: „das Auftreten starker Schmerzen“, „die Diagnose einer schweren Krankheit“ sowie „das rückblickende Bedauern, nicht nach den eigenen Bedürfnissen gelebt zu haben“. Dabei hänge die Empfänglichkeit für Sinnerfahrungen wesentlich von der jeweiligen Persönlichkeit, der gelebten Biografie sowie vom gegenwärtigen sozialen Umfeld ab.

Mag. Dr. Johann Platzer,
Universitätsassistent am
Institut für Moraltheologie,
Karl-Franzens-Universität Graz

Da sein ist wichtiger als tun
Alle befragten HospizbegleiterInnen haben angegeben, dass sie immer wieder die Erfahrung machen, dass Menschen am Lebensende oder angesichts einer schweren Erkrankung noch unterschiedliche Sinnmöglichkeiten finden können. Allerdings müsse aber auch vor überzogenen Erwartungen in der Begleitung Sterbender gewarnt werden. Oft ginge es vielmehr darum, offensichtliche Sinnkrisen begleitend durch ein bloßes Dasein gemeinsam auszuhalten. Aus den Interviews lässt sich auch schließen, dass Sinn zwar nicht direkt von außen durch die Begleitenden quasi „verabreicht“ werden kann, dass es aber sehr wohl immer wieder möglich zu sein scheint, Menschen in Krisensituationen bei ihrer Entdeckung von Sinn und Sinnerfahrung positiv zu begleiten.

Spiritualität kann vieles sein
Der Faktor „Spiritualität“ wird von allen Befragten als eine wesentliche Sinnquelle für Menschen am Lebensende gesehen. Bei manchen, vorwiegend Hochaltrigen, sei lediglich hin und wieder die Angst vor einem „strafenden Gott“ ein Thema. Bei den Interviews wurde sowohl nach dem Spiritualitätsverständnis der HospizbegleiterInnen als auch nach Formen von Spiritualität gefragt, die in der Begleitung aufseiten der Patientinnen und Patienten als sinnstiftend wahrgenommen werden. Folgende Kategorien wurden genannt: Spiritualität verstanden als „Teil von Religion und religiöse Praxis“, „Verbundenheit mit der Natur und Mitmenschen“ sowie „Verbindung zu einem (religionsunabhängigen) transzendenten Sein“. Viele HospizbegleiterInnen erleben zudem auch das „Pflegen von Werten“ und den „Dienst am Menschen“ als spirituell.
Die Studie hat gezeigt, dass sich das mehrdeutige Verständnis von Spiritualität stets in Spannungsfeldern bewegt: zum einen zwischen „Glaubensspiritualität“ (Glaube an Gott, religiöse Riten, Verbundenheit mit dem Heiligen …) und „Alltagsspiritualität“ (Naturerfahrung, Verbundenheit mit Mitmenschen, konkrete Begegnungen …); zum anderen zwischen einer explizit „religiösen Glaubensspiritualität“ und einer „religionsunabhängigen Transzendenz“ (siehe Abb.).

Ausführlichere Ergebnisse der Studie werden im Buch „Medizin und Menschenbild“ (Nomos-Verlag 2018 [in Druck]) veröffentlicht.

Seit dem Jahr 2010 ist im Hospizverein eine Arbeitsgruppe zum Thema Spiritualität tätig, in der u.a. der Leitfaden Spiritualität in der Hospizarbeit erarbeitet wurde. Dieser steht TeamleiterInnen sowie ReferentInnen zur Verfügung und kann von Interessierten im Büro angefordert werden.

 

 

–> BILD 5 Abb.:
Ergebnisse zur Frage nach den Bedeutungen von „Spiritualität“. Aus: „Sinnfindung und Spiritualität am Lebensende“, Platzer 2018
Johann Platzer, Studienautor