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Respekt – Begegnung auf Augenhöhe

Respekt spielt in menschlichen Beziehungen eine wichtige Rolle. Aber schon bei der Begriffserklärung tun wir uns schwer. In der Gesellschaft kursieren ganz unterschiedliche Auffassungen von Respekt. Für die einen ist es Höflichkeit oder Ehrerbietung, für andere wieder Akzeptanz oder aber auch Toleranz. In jedem Fall aber drückt er eines aus: eine besondere Art von Wertschätzung. Deshalb fühlt es sich so gut an, wenn wir ihn bekommen. Besonders und gerade dann, wenn wir alt, krank und/oder nicht mehr ganz Herr unserer geistigen Fähigkeiten sind.

Respekt – was ist das eigentlich?
Re/spic/ere, (lat.) u .a.: zurückschauen, berücksichtigen, sich beachten, sich überdenken.
„Etwas respektieren heißt daher zunächst einmal: es genau zu betrachten, es ernst zu nehmen, es klar und deutlich so wahrzunehmen, wie es ist. Respekt drückt sich aus in der Anerkennung des Mitmenschen mit all seinen Gegensätzen als eine Person, die das gleiche Recht hat wie ich, sich frei zu entfalten“, heißt es in dem Buch „Was heißt hier Respekt?“ von Elke Reichart. Und weiter: „In einer respektvollen Gesellschaft erkennen sich die verschiedenen Menschen als gleichwertig an. Respekt ist die Grundlage, um in einer komplexen Gesellschaft in Frieden und Freiheit leben zu können.“
Im Unterschied zu Toleranz – was aus dem Lateinischen abgeleitet so viel wie ertragen oder dulden bedeutet – ist Respekt mehr. Er bedeutet, den anderen als gleichwertig, als eigenes Individuum anzuerkennen.

Selbstrespekt ist die Grundlage
Wie in vielen anderen Dingen sollte man auch beim Respekt bei sich selbst beginnen. Wer keine Achtung vor sich selbst hat, wird sich schwertun, sie anderen entgegenzubringen. Zum Selbstrespekt gehört zuerst Selbsterkenntnis: Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich? Aber auch: Wo sind meine Grenzen? Wie lange halte ich eine belastende Situation noch aus? Selbstrespekt hat viel mit Achtsamkeit zu tun, auch mit Selbstachtung. Wie geht es mir? Welche Signale bekomme ich von meinem Körper? Zum Selbstrespekt gehört auch eine Portion Egoismus. Einmal Nein zu sagen, obwohl es einem unangenehm ist, anstatt sich mit immer mehr Aufgaben eindecken zu lassen. Haushalten mit seinen Kräften. Sich auch einmal eine Auszeit zu nehmen, wenn man jemanden pflegt.

Respekt ist vielfältig
Respekt ist keine Eigenschaft, die man hat. Respekt entsteht erst durch Beziehung. Er ist eine innere Haltung, die man Menschen oder Dingen gegenüber entwickelt, die man im Leben für wirklich wichtig hält. In einer respektvollen Gesellschaft erkennen einander die verschiedenen Menschen als gleichwertig an. Das kann sich in unterschiedlichen Formen ausdrücken, aber die wichtigste Voraussetzung ist die Haltung, den anderen wirklich wertzuschätzen, ihn für wichtig und ernst zu nehmen. Ein Mangel an Respekt kann unglücklich und sogar krank machen, er zerstört Beziehungen und ist häufig Grund für Probleme am Arbeitsplatz, Familienzwist und Sinnkrisen. Es gibt viele unterschiedliche Auffassungen von Respekt. Ältere Menschen verlangen Respekt und meinen damit, sie wollen höflich behandelt werden. Lehrer wollen respektiert werden und meinen Gehorsam. Wir sagen, wir respektieren die Natur, und verstehen darunter einen achtsamen Umgang mit ihren Ressourcen.

Müssen wir Respekt lernen?
Grundsätzlich ist den Menschen ein gewisses Maß an Respekt angeboren. Die Haltung jedoch, die uns auch im Inneren wachsen lässt, müssen wir uns immer wieder erarbeiten. Wenn ein Kind in eine buddhistische Familie hineingeboren wird, ist das Erste, was ihm die Eltern beibringen werden, eine Geste des Respekts: wie man seine Hände in der anjali-Haltung hält, die Handflächen über dem Herzen zusammengelegt, wenn man einer Buddhastatue, einem Mönch oder einer Nonne begegnet.
Diese Geste ist zunächst eine mechanische Bewegung. Im Laufe der Zeit jedoch lernt man die innere Haltung kennen, die damit verbunden ist. Wenn Kinder das besonders schnell verinnerlichen, werden das die Eltern als ein Zeichen von Intelligenz werten, denn Respekt ist die Basis für jede Art von Lernfähigkeit. Respekt öffnet unseren Geist und lockert vorgefasste Meinungen, um Raum für neues Wissen und neue Fertigkeiten entstehen zu lassen.

Begegnung auf Augenhöhe
Gerade im Umgang mit alten und kranken Menschen ist Respekt eine wichtige Voraussetzung für deren Wohlbefinden. Indem wir uns bemühen, ihnen zu geben, was sie brauchen, und sie in ihrer Individualität zu akzeptieren, erweisen wir ihnen Respekt. Das bedeutet auch, Verständnis und Unterstützung aufzubringen, ihre Anliegen, Bedürfnisse und Vorbehalte ernst zu nehmen. Aber auch Ungeduld und Kritik zu ertragen. Gegenseitiger Respekt zwischen ÄrztInnen, Pflegepersonal und PatientInnen ist die Voraussetzung für ein funktionierendes Miteinander zum Wohle der ihnen anvertrauten Menschen. Gerade da liegt aber – vielleicht unbewusst – noch manches im Argen. Etwa, wenn bei Untersuchungen während der Visite oder bei pflegerischen Maßnahmen zu wenig Bedacht auf die Würdigung der Intimsphäre von PatientInnen genommen wird. Oder wenn ÄrztInnen am Bett mancher Kranken über deren Kopf hinweg über sie reden.

Respektvoller Umgang mit dementen Menschen
Gerade mit verwirrten, aggressiven und manchmal auch verzweifelten Menschen ist der Umgang oft schwierig. Doppelt schwierig, wenn es sich um Angehörige handelt, die man zu Hause betreut. Ein Gefühl der Hilflosigkeit beschleicht einen, nicht selten endet man selbst in der Aggression, weil man nicht weiß, wie man mit diesen Belastungen fertigwerden soll.
Die von der amerikanischen Sozialarbeiterin Naomi Feil entwickelte Methode der „Validation“ kann hier hilfreich sein. Validation ist sowohl eine wertschätzende Haltung, die für die Begleitung von Menschen mit Demenz entwickelt wurde, als auch eine besondere Kommunikationsform, die – geprägt von einer akzeptierenden Sprache – die Bedürfnisse des betroffenen Menschen zu verstehen und zu spiegeln versucht. Vereinfacht ausgedrückt versucht man im Kontakt mit dementen Menschen, sich auf deren emotionale Ebene zu begeben, sich auf sie einzulassen, anstatt sie zu korrigieren. Wenn zum Beispiel die Mutter immer wiederholt „Ich möchte nach Hause“, ergibt es wenig Sinn zu sagen: „Hier ist doch dein Zuhause.“ Eine Person, die Validation anwendet, würde stattdessen fragen „Warum musst du denn nach Hause?“ oder auch „Wartet dort jemand auf dich?“.
Indem wir versuchen, in ihrer Welt mit ihr zu kommunizieren, wird sie sich respektiert und als Mensch wertgeschätzt fühlen. Oft klappt auf diese Weise die Kommunikation besser, was dazu führt, dass auch das Selbstwertgefühl der Pflegenden steigt und sich die gefühlten Belastungen mindern.

Der verdiente Respekt
Respekt kann man sich auch verdienen. Die, wie es im Duden steht, „auf Anerkennung, Bewunderung beruhende Achtung“. Und die zu bekommen, ist ein menschliches Bedürfnis. Eine Studie des Beratungsunternehmens Mercer, für die 30.000 MitarbeiterInnen aus 17 Ländern befragt wurden, zeigt: Respekt ist weltweit der wichtigste Motivationsfaktor im Berufsleben. Noch vor der Work-Life-Balance und weit vor dem Grundgehalt. Respekt und Anerkennung machen uns selbstbewusster, die Arbeit angenehmer und das Miteinander harmonischer. Um Respekt zu ernten, muss man Ehrlichkeit und Authentizität, Höflichkeit und Offenheit, Kritikfähigkeit und Selbstbewusstsein ausstrahlen. Oder, wie eine Personalentwicklerin einmal ausdrückte: „Respekt kann man sich mit der lebenslangen Übung verschaffen, niemals die Würde eines anderen zu verletzen und gleichzeitig mit Klarheit für die eigenen Werte einzustehen.“

Gaby Valentinitsch

Dr. Petra Wagner, Ärztin für Allgemeinmedizin, ausgebildete Palliativmedizinerin und Notärztin:
„Respekt bedeutet für mich zu erleben, dass jeder Mensch ein Experte für sein eigenes Leben ist.
Das bedeutet, dass ich nur Experten begegne, und ich darf viel Interessantes erfahren.“

 

 

Maria Santner, Hospizbotschafterin:
„Respekt bedeutet für mich, jedem Menschen mit Achtung und Wertschätzung zu begegnen. Egal woher er kommt, was er ist, was er macht, was er kann und was er hat. Und Interesse für andere Menschen zu zeigen anstatt Gleichgültigkeit.“

 

 

 

Ernst Zwanzleitner, Bauer am Hocherb bei St. Gallen und Radiomoderator bei Studio Steiermark:
„Respekt wäre eigentlich ein menschlicher Grundwert, welcher zeitlebens Gültigkeit haben sollte. Der biblische Spruch ,Macht euch die Erde untertan‘ wird von vielen Menschen dieser Welt zu wörtlich genommen. Allzu oft werden wertvolle Bauerngründe aus Habgier und Materialismus respektlos vergeudet, verbaut und zubetoniert. Ich als Bauer sollte dankbar sein für das, was unsere Mutter Erde mit unendlicher Kraft zustande zu bringen vermag. Sie kann aber auch sehr verletzlich sein, wenn der nötige Respekt ihr gegenüber fehlt.“

Beate Reiß, diplomierte Sozialarbeiterin und Erwachsenenbildnerin, Leiterin der Plattform „Wenn Lebensanfang und -ende zusammenfallen“.
„Respekt ist für mich, einander auf Augenhöhe zu begegnen, unabhängig davon, wie unterschiedlich wir sind. Das setzt auch eine gewisse Neugier voraus. Ich möchte entdecken und spüren, wer du bist, anstatt dich in eine gedankliche Schublade zu stecken.“