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Gestärkt und versöhnt: Biografiearbeit in der
Sterbe- und Trauerbegleitung

Die Biografieorientierung als Handlungsprinzip und die Biografiearbeit als pädagogische Handlungskonzeption haben in den vergangenen Jahren in viele Felder der zwischenmenschlichen Begleitung Einzug gehalten bzw. dort verstärkte Bedeutsamkeit erfahren (z.B. Altenarbeit und Erwachsenenbildung, Seelsorge und Pflege). Dies gilt auch für die Sterbe- und Trauerbegleitung.

Dr. Hubert Klingenberger studierter Pädagoge, Psychologe, Soziologe und Buchautor

Biografie und Biografiearbeit
Menschen sind zeitliche Wesen; ihre persönliche Zeit bezeichnet man als „Biografie“. Damit verbinden sich mit Blick auf die Vergangenheit Erfahrungen und Prägungen. Aber unsere Biografie meint nicht nur die Vergangenheit: auch unsere aktuelle Gegenwart mit ihren Chancen und Herausforderungen. Und auch die persönliche Zukunft gehört zu unserer Biografie und damit unsere Sehnsüchte und Ängste und unsere Planungen in Bezug auf das Kommende.

Biografiearbeit eröffnet Menschen jeden Alters Möglichkeiten des Nachdenkens und Austausches über die persönliche Lebensgeschichte. Der ressourcenorientierte, verstehende Blick in die Vergangenheit hilft die Gegenwart zu bewältigen und die in ihr liegenden Chancen zu ergreifen. Die persönliche Zukunft – mag sie auch noch so kurz sein – gewinnt an Konturen und es lassen sich tragfähige Konzepte zu deren Gestaltung entwickeln. Biografiearbeit stellt Lernsettings zur Verfügung, in denen Menschen – alleine, in Begleitung oder in Gruppen – Heilung, Lebensorientierung und Ermutigung erfahren. Die Begleitung von KlientInnen im weiteren Sinn kann genauer an deren Vorgeschichte und Lebenssituation ausgerichtet werden.

Zwei Ausprägungen der Biografiearbeit lassen sich unterscheiden: Biografisches Arbeiten meint zum einen die Beschäftigung eines jeden Menschen mit der eigenen Biografie, also der persönlichen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dies passiert im Alltag und insbesondere angesichts des Sterbens – meistens retrospektiv: Wir ziehen Bilanz, sind erfüllt von wohltuenden Erinnerungen oder bereuen nicht ergriffene Gelegenheiten. Wir denken an Lebens(w)enden über das gelebte Leben nach.
Zum anderen werden mit „Biografischem Arbeiten“ besondere Angebote, Sicht- und Handlungsweisen in der Bildungsarbeit und der Beratung, in der Therapie und der Seelsorge, in der Pflege und anderen professionellen Handlungsfeldern verstanden. Dabei kann die Biografie, oder einzelne Ereignisse daraus, als Thema im Vordergrund stehen oder die Biografieorientierung als Prinzip in jedes andere Thema einfließen.

Mit Menschen ihre Biografie betrachten heißt:
· stärkende Erfahrungen finden, die mich die aktuelle Situation aushalten und gestalten lassen
· Lebens-Werte(s) entdecken – und so Orientierung und Sinn erfahren
· im Neu-Verstehen von Lebensgeschichten Heilung erleben und Versöhnung finden.

Biografiearbeit ist eine ressourcenorientierte Suche nach den Quellen der Erfüllung. Sie baut ein Reservoir an Stärkungen auf, die die Grundlage für die Lebens- und Trauerbewältigung und Sterbebegleitung bilden.

Biografiearbeit angesichts der Endlichkeit
Der Tod gehört zum Leben: Wir begegnen ihm im Laufe unserer Biografie immer wieder: vor allem in den Medien, aber auch in der persönlichen Erfahrung: Familienangehörige und Freunde, KollegInnen und Bekannte sterben. Wir können uns dieser Erfahrung stellen, sie aber auch verdrängen. Zu unserer Biografie gehört aber auch das eigene Ende – und viele kleine Sterbeerfahrungen im Laufe unseres Lebens.
Diese Erfahrungen finden in einer Kultur statt, die auch ihre jeweiligen Umgangsweisen mit Sterben und Tod hat. Der Theologe Fulbert Steffensky beschreibt die aktuelle Situation so:
„Wir haben das Bewusstsein der Sterblichkeit und der Endlichkeit verloren.“

Und der evangelische Theologe Waldemar Pisarski folgert aus der Allgegenwärtigkeit des Sterbens und des Todes:
„Jede Zeit bleibt aufgerufen, ihre Antwort auf Tod und Sterben zu finden, auf diese Grundbedingungen unserer Existenz. Und jeder Mensch bleibt aufgerufen und herausgefordert, seine Antwort zu finden.“

Auch die Biografiearbeit hat sich dem Thema „Sterben und Tod“ zu stellen, denn:
· Sterbeerfahrungen und Todesbegegnungen gehören zu unserer Lebensgeschichte. Wir haben im Laufe unseres Lebens immer wieder Abschied nehmen müssen.
· Wir selbst sind sterblich und müssen lernen mit dieser Lebenseigenschaft umzugehen. Gerade ab dem Eintritt in die zweite Lebenshälfte tritt uns das immer deutlicher vor Augen. Und das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit lädt uns, ein bewusster zu leben.
· Die BegleiterInnen von Menschen in der Seelsorge oder der Pflege, in der Sterbe- und Trauerbegleitung stehen vor der Notwendigkeit, sich selbst mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen.

Begegnungen mit Sterben und Tod in meiner Biografie
Sterben ist nicht nur eine Erfahrung, die wir am Lebensende machen. Der Theologe Waldemar Pisarski formuliert dies so:
„Sterben begleitet unser ganzes Leben. Eine Sterbelinie geht durch unser ganzes Dasein.“

Im Laufe unseres Lebens müssen wir uns von Familienangehörigen und FreundInnen, KollegInnen und Bekannten verabschieden. Aber auch im eigenen Leben machen wir viele kleine Sterbeerfahrungen: Wir müssen nicht nur Menschen, sondern auch anderes loslassen, z.B. Träume, Rollen, Orte usw. Der Philosoph Clemens Sedmak und der frühere Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser zählen neun Themenbereiche auf, in denen unsere Fähigkeit des Loslassens herausgefordert wird:
1. Dinge und Gegenstände
2. Orte und Zeiten (z. B. Lebensphasen)
3. Werte, Haltungen und Gewohnheiten
4. Überzeugungen und Pläne
5. Verantwortung und Aufgaben (z. B. beim Übergang in den Ruhestand)
6. Gesundheit und Fähigkeiten (z. B. beim Altern)
7. Schuld und Verbitterung
8. Menschen
9. Das eigene Leben

Der Philosoph Wilhelm Weischedel spricht von der „Abschiedlichkeit“ als wesentlicher Haltung:
„In dieser Haltung können wir uns von uns selbst distanzieren. Wir klammern uns nicht an einen Moment des Lebens. Der abschiedlich lebende Mensch wird sein Herz und seine Vernunft nicht endgültig an das hängen, woran er sich bindet.“

Leben heißt, bewusst die kleinen Abschiede wahrzunehmen und zu begehen (z.B. durch Rituale), daraus zu lernen und daran zu wachsen, um dann auf den großen Abschied vorbereitet zu sein. Eventuell verliert dadurch der Tod sogar seine vermeintlich übergroße Bedeutung.

· Wann mussten Sie in Ihrem Leben jemanden/etwas loslassen bzw. Abschied nehmen?
· Wie haben Sie diese Situationen erlebt?
· Wer oder was hat Ihnen dabei geholfen, diese Abschiede jeweils zu akzeptieren und zu bewältigen?
· Welche Stärken oder Fähigkeiten hätten Sie heute nicht, wenn es diesen Abschied nicht gegeben hätte?

Der Blick auf die Ressourcen
Biografiearbeit ist vom Prinzip der Ressourcenorientierung geleitet, d. h. sie wendet sich nicht dem Fehlenden und Misslungenen oder den persönlichen Schwächen zu (die kennen wir in der Regel viel zu gut). Biografiearbeit fragt nach dem Gelungenen und Bewältigten, nach den Stärken und Kompetenzen. Sie interessiert sich für die Lebensleistungen im weitesten Sinne:

Der Begriff „Lebensleistung“ wird im Alltagsdeutsch weitgehend für das Ziele-Erreichen, Ergebnisse-Vorweisen, Siege-Erringen oder Produktiv-Sein verwendet: Wir haben etwas hergestellt, eine Aufgabe abgeschlossen, ein Projekt umgesetzt. Dabei handelt es sich aber um einen verengten Leistungs-Begriff. Es soll hier auf acht Aspekte der Lebensleistung erweitert werden:

o Produktiv sein und Ergebnisse erzielen:
Dies ist das landläufige Verständnis von Leistung: Wir haben eine Ausbildung abgeschlossen, Kinder „großgezogen“, ein Haus gebaut oder ein Buch geschrieben.
o Scheitern und wieder aufstehen:
Wer auf die Nase gefallen und hinterher wieder aufgestanden ist, hat auch eine nicht gering zu schätzende Leistung vollbracht. Es ist wichtig, den Blick nicht allein auf das Fallen zu richten, sondern auf die Zeit danach: auf das Aufstehen und Weitermachen.
o Loslassen und Abschied nehmen:
Immer wieder müssen wir uns im Leben von etwas (Wohnort, Träumen, etc.) trennen oder von Menschen verabschieden. Welche Leistung das ist können wir ermessen angesichts der Menschen, denen das nicht gelungen ist. Auch das Wort „Trauer-Arbeit“ zeugt von dieser Leistung.
o Durchhalten und Aushalten:
Krisen und Durststrecken, spirituell ausgedrückt: Wüstenerfahrungen sind Bestandteil jeder Biografie. Solche Wüstendurchquerungen stellen eine beträchtliche Lebensleistung dar.
o Zulassen und Anfangen:
Ein Neubeginn ist nicht immer einfach; es braucht ein gutes Stück Vertrauen in das Leben, Neues zuzulassen und einen Neuanfang zu wagen. Das Verlassen der gewohnten Sicherheitsinseln ist als persönliche Anstrengung nicht zu unterschätzen.
o Für sich und andere Sorgen:
Das Dasein-für-andere ist eine beträchtliche Leistung – die allerdings wenig gesellschaftliche Anerkennung findet (siehe die Bezahlung von ErzieherInnen und Pflegekräften). Und die Sorge um sich selbst stellt für viele Menschen eine richtige Herausforderung dar.
o Nein sagen und widerstehen:
Wer schon einmal in einer Gruppe aufgestanden ist und einem/r Ranghöheren oder der Mehrheitsmeinung widersprochen hat, kann sicherlich gut nachvollziehen, dass dies eine große Herausforderung ist/sein kann.
o Erfüllungen auskosten und genießen:
Nicht wenige Menschen befinden sich in so hohem Maße im Arbeitsmodus, dass ihnen das Abschalten und Auskosten wie eine große Herausforderung vorkommt.

Betrachten wir unser vergangenes Leben, so finden wir – manchmal erst nach längerer Betrachtung – Bespiele für all die genannten Lebensleistungen. Hilfreich ist es, sich jeweils zu überlegen, welche Einstellungen und Haltungen, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten ich in den jeweiligen Lebensphasen und –situationen gezeigt habe: So habe ich in Wüstenzeiten vielleicht Demut oder Aufmüpfigkeit gelernt. Beim Scheitern habe ich vielleicht gelernt, andere um Hilfe zu bitten. Und bei der Sorge um Andere habe ich erfahren, wieviel ich selbst aushalten kann.

Der Blick auf diese Lebenskompetenzen kann helfen, aktuelle Herausforderungen anzupacken und Zukunftsvorhaben in Angriff zu nehmen. Auch aktuell schwere Zeiten und eventuell kommende Einschränkungen sind mit Blick auf diesen „Ressourcenrucksack“ leichter bewältigbar. Wichtig ist nur mit dieser Reflexion zu beginnen, bevor wir im „dunklen Loch“ sitzen. Im Dunkeln lässt sich schlecht etwas finden …

„Biografiearbeit ist Schatzsuche.“ Der Blick auf die Lebensleistungen lädt uns ein, selbst-bewusst unser Leben zu betrachten und daraus Orientierung und Stärkung für unsere Lebensgestaltung bis zum letzten Atemzug zu gewinnen.

Hubert Klingenberger