Mit seelischer Stärke Krisen meistern
Wenn eine Situation wie die Corona-Krise uns wie der Blitz aus heiterem Himmel trifft und unser Leben grundlegend verändert, dann ist das zweifelsohne ein Härtetest für unsere psychische Stärke. Während die einen in Panik verfallen, Hamsterkäufe tätigen oder gar das Ende der Welt heraufbeschwören, behalten andere einen klaren Kopf, werden aktiv und wachsen mitunter sogar über sich selbst hinaus. Warum ist das so? Das Geheimnis heißt Resilienz!
Ja, das Corona-Virus hat unser Leben mit einem Schlag verändert. Wenn von heute auf morgen der Schalter im gesamten Land quasi abgedreht wird, dann herrscht kollektive Krise. Morgens nicht in die Arbeit gehen, kein Kaffeehaus-Besuch, kein Drink mit der Freundin, keine Shoppingtour, die Oma nicht besuchen dürfen, selbst Spitalsbesuche oder die Teilnahme an Begräbnissen ist nicht mehr möglich. Rigorose Ausgehbeschränkungen! Unsere Alltagsgewohnheiten wurden abrupt gestoppt. Eine noch nie dagewesene Situation. Dazu Warnungen, Empfehlungen, Nachrichten über Neuinfektionen, Todesfälle und die rasante globale Verbreitung des Virus‘ auf allen Kanälen. Das ist Krisenstimmung! Das macht Angst, sorgt für Unsicherheit und löst bei vielen Menschen auch Panik aus. Plötzlich wird in großen Mengen Geld abgehoben, werden Berge von Lebensmitteln und Toilettenpapier gehortet – die Absicherung des Lebens bekommt oberste Priorität und löst völlig irrationale Handlungen aus. Was aufgrund der Corona-Krise nun im großen Stil geschieht, passiert in Einzelfällen jedoch tagtäglich.
Das Leben hat nämlich so manchen Brocken für uns parat: schwere Krisen und Schicksalsschläge wie Job- oder Partnerverlust, den Tod eines nahen Angehörigen oder eine lebensbedrohliche Krankheit. Auch das ändert mit einem Schlag das gesamte Leben – nichts ist mehr wie davor. Und es wirft wohl jeden zunächst einmal aus der Bahn. Aber warum schaffen es manche, nach solchen Tiefschlägen rasch wieder ins Leben zurückzukehren und andere nicht? Warum zerbrechen manche Menschen sogar an solchen Krisen? Oder bezüglich Corona: Warum horten manche panisch Nudelberge und Toilettenpapier, während andere die Lage zwar durchaus ernst nehmen, aber dennoch rational bleiben und das Beste aus ihr machen? Hier kommt eine Fähigkeit ins Spiel, die sich Resilienz nennt. Menschen mit dieser seelischen Stabilität schaffen es leichter und schneller, sich an neue Situationen anzupassen, Krisen zu durchleben und nach Tiefs wieder hochzukommen.

Aber was ist diese Resilienz nun genau? Der Ausdruck leitet sich vom Lateinischen resilire ab, was so viel heißt wie zurückspringen, abprallen. Ursprünglich wurde der Begriff in der Werkstoffkunde verwendet, um Stoffe zu bezeichnen, die sich verformen lassen und dann wieder in ihre Ursprungsform zurückfinden. Ein Badeschwamm etwa. Wird er gedrückt, ist er zerknüllt. Lässt man ihn los, nimmt er wieder seine ursprüngliche Form an. Und genau das, lässt sich auch auf die Seelenkraft eines Menschen übertragen. Resiliente Menschen können nach einer belastenden Situation rascher als andere wieder in ihre „Ursprungsform“ zurückkehren.
In der Resilienzforschung hat die amerikanische Psychologin Emmy Werner Grundlagenarbeit geleistet. Sie hat in einer Studie (veröffentlicht 1989) mit rund 700 Kindern die auf der Insel Kauai (Hawaii) lebten, gezeigt, dass es Kinder gibt, die es trotz belastender Faktoren im Vergleich zu anderen geschafft hatten, ein zufriedenstellendes, erfolgreiches und gesundes Leben zu führen. Sie sind trotz widriger Umstände „gewachsen“. Das, was andere blockiert und bremst, hat sie ermutigt. Diese Kinder waren resilient.
Resilienz ist also die seelische Widerstandsfähigkeit, das Immunsystem der Seele, die psychische Kraft, die uns befähigt, Krisen zu meistern, unbeschadet zu überstehen und im besten Fall sogar gestärkt daraus hervorzugehen. Wie resilient ein Mensch ist, hat viel mit den Genen zu tun, ist ihm also angeboren. Aber nicht nur! Denn mittlerweile weiß man, dass sich diese seelische Stabilität sehr gut und vor allem sehr einfach trainieren lässt. Für Resilienztraining braucht man keine Ausrüstung, keine Geräte, die Resilienz stellt einen ganzen Koffer voller „Werkzeuge“ in Form einfacher Übungen zur Verfügung – man bräuchte nur zuzugreifen.
Aber während wir unseren Körper ganz selbstverständlich trainieren, gegen Kälte oder Hitze schützen, vorsorgen, zum Arzt gehen, möglichst gesund leben, um ihn fit zu erhalten und widerstandsfähig gegen Krankheiten zu machen, lassen wir den „Seelenmuskel“ vielfach verkümmern. Unserer Psyche schenken wir nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit wie unserem Körper. Psychoimmunologie und Psychohygiene sind kaum Thema. Wir machen uns kaum stark gegen Ärger, Stress oder Überlastung, wir wappnen uns im seltensten Fall gegen Krisen. Wir bereiten uns wenig vor für den Fall, dass… Und wenn dann das Leben eine unerwartete, negative Wende nimmt, eine Krise hereinbricht, wirft uns das mitunter so sehr aus der Bahn, dass wir lange nicht mehr aufstehen können oder gar liegenbleiben. Resiliente Menschen stehen jedoch wieder auf und gehen weiter – weil es in ihrer Natur liegt oder weil sie sich seelische Stabilität antrainiert haben.
Was zeichnet einen resilienten Menschen aus? Eines gleich vorweg: Es ist ein Irrtum zu glauben, dass resiliente Menschen stets alles im Griff haben, nur glücklich, positiv und auf der emotionalen Butterseite des Lebens unterwegs sind. Natürlich durchleben auch resiliente Menschen ihre Tiefs, kämpfen mit Stress, Ärger oder Ängsten. Doch gehen sie anders damit um. Sie resignieren nicht, sondern haben Zuversicht. Sie verlieren nicht die Nerven, sondern bleiben gelassen. Sie verzweifeln nicht, sondern haben Mut und Humor. Sie warten nicht nur auf Hilfe von außen, sie werden selbst aktiv. Sie bleiben nicht liegen, sondern stehen wieder auf. Darum wird Resilienz auch als „Stehaufmännchen-Kompetenz“ bezeichnet. Motto: Hinfallen – aufstehen – Krönchen richten – weitergehen! Vor allem dieses Weitermachen in einer Krise ist ein Zeichen hoher seelischer Stabilität.
Resiliente Menschen lassen sich nicht fallen, sie bleiben handlungsstark, sie blicken nach vorn, sie sehen selbst in schwierigsten Situationen immer noch einen Sinn. Motto: Trotzdem Ja zum Leben sagen! Dieser legendäre Ausspruch des großen österreichischen Neurologen und Psychiaters Viktor Frankl ist mittlerweile zu einem Leitspruch in der Resilienz geworden. Aber auch, wenn die eigene Handlungsstärke ein Zeichen von Seelenkraft ist, so ist es gleichermaßen auch die Fähigkeit, auch Hilfe in Anspruch zu nehmen. Resiliente Menschen haben sich ein gutes Netzwerk aufgebaut, sie sind in ein soziales Umfeld eingebettet und greifen im Bedarfsfall auch darauf zurück. Wenn man es nicht braucht, gibt es ein Gefühl der Sicherheit. Tritt ein Problemfall ein, dann nimmt es viel Druck und Stress weg, wenn man weiß, dass man auf Hilfe zurückgreifen kann.
Resiliente Menschen haben sich ganz grundsätzlich „Hilfs-Pakete“ geschnürt und nützen sie auch, um kleinere oder größere negative Situationen zu bewältigen – das kann Yoga oder Meditation sein, ein erfüllendes Hobby, aber auch Psychotherapie, manchen hilft Musik oder ein ausgedehnter Spaziergang im Wald. Und oftmals sieht danach die Welt schon wieder viel rosiger aus! Resilienten Menschen ist bewusst, dass sie selbst für sich verantwortlich sind, dass sie etwas tun können und tun müssen. Eine Tatsache, die Menschen oftmals sehr schwer annehmen können, weil es mitunter angenehmer und einfacher ist, die Verantwortung, das Problem oder die Lösung außerhalb von sich selbst zu suchen. Genauso, wie es oftmals bequemer ist, sich treiben zu lassen. Doch Menschen mit hoher seelischer Stabilität haben ihre Gefühle und Impulse gut unter Kontrolle und können sich sehr gut selbst regulieren. Und, das ist eine der großen Stärken resilienter Menschen, sie können akzeptieren, wenn eine Situation nicht zu ändern ist. Anstatt zu hadern, zu zweifeln und zu verzweifeln, nehmen widerstandsfähige Menschen ihr Schicksal an, ohne sich jedoch dadurch lähmen zu lassen.
Diese psychische Stärke, diese Fähigkeit zur Gefühls- und Impulskontrolle, diese Gelassenheit und Ruhe führt mitunter dazu, dass resiliente Menschen als gefühllos und egoistisch bezeichnet werden; als kalte Säulen, die nichts an sich heranlassen. Aber: Menschen mit hoher seelischer Stabilität haben genauso gute Kontakte zu Angst, Wut, Trauer, usw. und sie lassen diese Gefühle genauso zu wie andere. Sie entscheiden sich jedoch früher als andere, an diesem Zustand etwas zu verändern.
Es zeigt sich übrigens, dass diejenigen, die bereits schwierige Lebensphasen und Krisen hinter sich gebracht haben, am besten für Belastungen gerüstet sind. Um das zu verdeutlichen, wird in der Resilienz gerne auf das folgende Zitat des amerikanischen Basketballspielers Michael Jordan zurückgegriffen: „Ich bin immer wieder in meinem Leben gescheitert. Und das ist der Grund für meinen Erfolg.“ Das ermutigende Fazit: Krisen machen stark!
(Johanna Vucak)
„Resilienz beschreibt nicht die eine Methode, sondern umschreibt eine Reihe von Strategien.“
HospizbegleiterInnen als Beispiel für gelebte Resilienz
Wie es um die Resilienz eines Menschen steht, zeigt sich am deutlichsten unter Belastung, Stress und in Krisensituationen. Die Corona-Krise hat in vielen Bereichen die Säulen der Resilienz ins Wanken gebracht, nicht so im Hospizverein Steiemark. Dort blieben sie beeindruckend stabil.
Resilienz heißt:
- Zu Lösungen kommen! Zunächst ein kurzer Schock darüber, dass persönliche Begleitungen nicht mehr stattfinden können, dann aber wurde quer durch alle Teams rasch nach alternativen Lösungen gesucht.
- Kontakte entwickeln und nützen! HospizmitarbeiterInnen haben sich untereinander vernetzt, ihre Ideen weitergegeben, ausgetauscht und auf unterschiedlichste Kontakte zurückgegriffen, um die alternativen Angebote rasch umsetzen und bekannt machen zu können.
- Handlungsaktiv bleiben! Im Hospizverein wurden nicht die Hände in den Schoß gelegt, sondern es wurde an allen Ecken und Enden mobilisiert – im Team und in Eigeninitiative. Handeln war die Devise. Das hat einen wahren Dominoeffekt und eine enorme Dynamik unter den MitarbeiterInnen ausgelöst. Und das gute Gefühl gegeben, das Ruder in der Hand zu haben, der Situation nicht hilflos ausgeliefert zu sein.
- Krise als Chance sehen! Die Not hat im wahrsten Sinne des Wortes erfinderisch gemacht, sie hat die Kreativität beflügelt und neue Möglichkeiten aufgezeigt – Vorlesen via Zoom, Begleiten per Telefon, Vernetzen via WhatsApp, Postkarten schreiben, soziale Medien nützen usw.
- Akzeptieren und annehmen! An den Corona-Beschränkungen an sich kann der Einzelne nichts ändern. HospizmitarbeiterInnen haben mit den Menschen, die sie begleiten, die Situation angenommen wie sie ist und versucht, das Beste daraus zu machen. Etwa: Kontakte auf anderen Wegen zu pflegen, Karten zu schreiben usw.
- Krisen nicht als unüberwindbare Probleme sehen! Mit den vielen alternativen Maßnahmen, die die HospizmitarbeiterInnen kreiert und in die Wege geleitet haben, haben sie eindrucksvoll gezeigt: Es gibt immer einen Weg!
- Selbstwirksamkeit erkennen! Den HospizmitarbeiterInnen war rasch klar, dass sie mit ihren Bemühungen und Maßnahmen etwas erreichen, bewegen und bewirken und somit einen wichtigen Beitrag zur Lösung der schwierigen Situation liefern können. Das wiederum stärkt übrigens das eigene Selbstbewusstsein.
- Optimistisch und zuversichtlich bleiben! Alle waren und sind getragen von der Motivation, die besten Alternativen für diese „Ausnahmesituation“ zu finden. In der Überzeugung, dem sicheren Glauben daran und der Zuversicht, dass diese Phase, wenn auch in unabsehbarer Zeit, bestimmt zu Ende geht. Motto: Es geht weiter! Nach Corona kommen wir wieder!
- Vertrauen haben! Dort wo HospizmitarbeiterInnen wirksam werden können, machen sie es in beeindruckender Weise. Der Rest ist Vertrauen darauf, dass die Corona-Maßnahmen richtig und wirksam sind und alles zu einem guten Ausgang führen wird!
- Gelassen bleiben! Da liegen keine Nerven blank – in der Ruhe liegt die Kraft! Das entsteht übrigens auch aus einem tiefen Vertrauen heraus.
- Helfen und Hilfe in Anspruch nehmen! Helfen, wenn Hilfe gebraucht wird, ist für HospizmitarbeiterInnen das Gebot der Stunde. Es besteht aber auch keine Scheu zu sagen, jetzt brauche ist Hilfe! Und das ist eine Stärke!
- Achtsam sein! Trotz des Engagements für andere, schauen HospizmitarbeiterInnen stets auch gut auf sich selbst. Vor allem dann, wenn sie selbst zur Corona-Risikogruppe gehören.
- Menschlichkeit an den Tag legen! Sie zeichnet HospizmitarbeiterInnen generell aus – in der Corona-Krise ist sie omnipräsent und Balsam für jene, die mit den MitarbeiterInnen in Kontakt sind.
- Humor beweisen und bewahren! Trotz allem bleibt immer noch Zeit für ein Lachen!
„Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern unsere Meinung über die Dinge.“ (Seneca)
Buchtipps:
- Die Strategie der Stehauf-Menschen. Krisen meistern mit innerer Widerstandskraft. Monika Gruhl. Herder.
- 7 Schlüssel für mehr innere Stärke. Jutta Heller. GU
- …trotzdem Ja zum Leben sagen. Viktor E. Frankl. dtv
Interview:
Edith Prein, 57, Angestellte: Mir hat`s geholfen!
Wie sind Sie auf das Thema Resilienz gekommen?
Prein: Mir ist der Begriff immer wieder einmal untergekommen. Ich habe nur nicht wirklich etwas damit anfangen können aber ich bin neugierig geworden. Dann habe ich von einem Workshop zu diesem Thema erfahren und daran teilgenommen. Es hat mich angesprochen, ich habe mich sofort gut damit identifizieren können.
Was konkret hat Ihnen an diesen Strategien so gut gefallen?
Prein: Das Positive! Da ist einfach alles sehr positiv angelegt. Und, dass es ganz viele Anregungen und Übungen gibt, die man selbst umsetzen kann. Ich kann selbst etwas tun und bewirken, ohne dass es dafür immer gleich viel Hilfe braucht. Dazu habe ich dann in einem Resilienz-Vortrag einiges erfahren und auch gleich ausprobiert. Mein Thema ist nämlich: Was kann ich selber tun? Während die Empathie das Hineinfühlen in andere ist, um ihnen helfen zu können, sehe ich die Resilienz als das Hineinfühlen in mich selbst, um mir helfen zu können!
Welche Übungen haben Sie da beispielsweise gemacht und was haben sie bewirkt?
Prein: Ich habe mir etwa jeden Abend die drei schönsten Dinge des Tages aufgeschrieben – über Monate hindurch. Und das dann erweitert, indem ich es zum abendlichen Ritual habe werden lassen, mich auf die Bettkante zu setzen und mich auf ein gutes Erlebnis des vergangenen Tages zu fokussieren. Mit dem Ergebnis, dass meine Gedanken beim Einschlafen immer seltener um negative, unangenehme Dinge gekreist sind. Ich schlafe jetzt leichter ein und schlafe besser durch. Es funktioniert natürlich nicht beim ersten Mal, aber es wird mit der Zeit immer besser.
