Wir werden gestärkt aus der Krise hervorgehen!
Peter Pilz, Obmann des Hospizvereins Steiermark, über Hospizarbeit in Zeiten von Corona und seine ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Shutdown.
Dr. Peter Pilz, Obmann des Hospizvereins Steiermark © Foto: Hospizverein
Die Corona-Krise stellt auch den Hospizverein vor besondere Herausforderungen. Wie sehen Sie deren Bewältigung?
Pilz: Es ist beeindruckend, wie schnell sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf diese besondere Situation eingestellt haben. Selbst einschneidende Veränderungen sind rasch angenommen worden. Gerade die Hospizarbeit lebt von der körperlichen Berührung, die nun plötzlich nicht möglich ist. Die ureigenste Aufgabe, am Ende da zu sein, kann plötzlich nicht mehr erfüllt werden. Das wurde und wird jedoch eindrucksvoll abgefedert – nicht zuletzt mit einer Reihe von bemerkenswerten Eigeninitiativen.
Was bedeutet die Corona-Krise generell für den Umgang mit Menschen in ihrer letzten Lebensphase – und was speziell für den Hospizverein?
Pilz: Der Umgang mit sterbenden Menschen ist durch Corona bestimmt stärker in den Fokus gerückt. Der Tod ist den Menschen ja sehr nahegekommen – teils persönlich, aber auch mit mächtigen Bildern bis in die Wohnzimmer. Was den Hospizverein angeht, zeigt sich jetzt in besonderer Weise, dass hier Menschen arbeiten, die das Helfen-Wollen verinnerlicht haben – und zwar egal, wie widrig die Umstände sind. Obwohl wir eigentlich enorm eingeschränkt arbeiten, macht das den Verein und die Hospizidee sicherlich bekannter, und wir werden gestärkt aus der Krise hervorgehen.
Wann und wodurch ist Ihnen persönlich das Ausmaß der Corona-Krise bewusst geworden?
Pilz: Ich war bereits eine Woche vor dem Shutdown mit Kunden im Austausch und habe Gerüchte gehört, dass es dazu kommen wird. Mir war gleich klar: Das wird nicht einfach werden! Auch Bilder wie Andrea Bocellis Auftritt vor dem und im leeren Mailänder Dom haben mich das Ausmaß dieser Krise besonders spüren lassen. Wenn man plötzlich die großen Plätze der Welt menschenleer sieht, dann merkt man unweigerlich, dass da etwas passiert auf dieser Erde.
Welche Spuren, soweit absehbar, wird Corona in unserer Gesellschaft hinterlassen?
Pilz: Ich hoffe, dass die Gesellschaft beginnt, analytisch mit Problemstellungen umzugehen. Dass Menschen etwa ihr Buch in der Steiermark kaufen und nicht bei Amazon bestellen. Corona könnte durchaus ein Umdenken im Kauf- und Konsumverhalten zur Folge haben. Man muss auch nicht für jede Besprechung irgendwo hinfahren. Home-Office wird bestimmt ein großes Thema bleiben. Und ich hoffe, dass die Gesellschaft grundsätzlich umdenkt und erkennt, dass langsamer oft besser ist. Das Leben ist ja jetzt auch auf eine angenehme Weise entschleunigt.
Welche Spuren wird Corona in Ihrem eigenen Leben ziehen?
Pilz: Beruflich habe ich erkannt, dass das, was ich mache, mir unglaublich viel Freude bereitet. Die Aufgaben sind enorm intensiv, aber es gibt unglaublich viele positive Momente – speziell wenn man jemandem helfen kann. Privat ist es eine Zeit des intensiven, positiven Zusammenlebens mit der Familie. Ich habe auch erkannt, dass mir viele Dinge, die mir als unverzichtbar erschienen, nicht abgehen. Ich arbeite so viel wie kaum zuvor und trotzdem entschleunigt – eine interessante Erfahrung.
Frage an den David Bowie-Fan und angelehnt an seinen Song „Heroes“: Wer sind für Sie die (wahren) Helden dieser Krise?
Pilz: Nachdem David Bowie den Titel dieses Liedes unter Anführungszeichen gesetzt hat, geht es darin wohl nicht um das heroische Heldentum. Ich sehe es vielmehr so, dass mit diesem Lied Menschen besungen werden, die in schwierigen Situationen über sich hinauswachsen und es geht oftmals auch um die kleinen Heldentaten im täglichen Leben. Viele dieser Heldentaten konnten wir während der Corona-Krise sehen.
Wenn Krisen auch etwas Gutes haben, was ist das im Fall von Corona?
Pilz: Es bewahrheitet sich vielfach, dass Not erfinderisch macht – auch im Hospizverein. Es entstehen plötzlich unglaublich viele gute Ideen. Der Zusammenhalt ist beeindruckend. In Familien gibt es ein extremes Zusammenrücken; wie tendenziell in der Gesellschaft. Krisen schweißen zusammen!