Wenn du glaubst es geht nicht mehr

Wie wichtig es in Zeiten des Lockdowns war, einen Ersatz für die persönlichen Begleitungen ins Leben zu rufen, zeigen die vielen Anrufe am eigens eingerichteten Hospiz-Telefon. Immer wieder kam es hier zu außergewöhnlichen und auch berührenden Erlebnissen. Stellvertretend für viele steht die folgende Geschichte.
Während der Bereitschaft einer unserer Koordinatorinnen beim Hospiz-Telefon rief ein Mann an, dessen hochbetagte Mutter im Sterben lag. Er hatte seine kranke Mutter bereits seit langer Zeit gepflegt, und nun ging es zu Ende. Sie hatte starke Schmerzen. Er war durch ihren sich stetig verschlechternden Zustand sehr belastet und auch sehr traurig. Von einer Nachbarin bekam er den Tipp, sich an das Hospiz-Telefon zu wenden. Der Anruf war für ihn eine Hürde und kostete ihn große Überwindung. Seiner Meinung nach sollte ein Mann keine Schwäche zeigen, müsse immer stark sein und dürfe auch nicht weinen. Deshalb entschuldigte er sich eingangs, dass er anrufe, weil er doch ein Mann sei.
Auf die Antwort der Koordinatorin, dass jeder Mensch Schwäche zeigen und traurig sein dürfe und sie es beachtlich fände, dass er den Mut hätte anzurufen, denn das zeige seine Stärke, begann er bitterlich zu weinen. Es wurde ein langes Gespräch. Danach war er sehr erleichtert und bedankte sich.
Eine Woche später meldete er sich nochmals und dankte erneut für das letzte Telefonat, das ihm sehr geholfen hatte. Er erzählte, dass seine Mutter inzwischen verstorben und bereits beerdigt worden sei. Das Telefonat habe ihm sehr geholfen und das Loslassen erleichtert.
(Birgit Winkler)