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Über „Modernes Sterben“

„Aufgaben und Grenzen der Medizin am Lebensende“ war das zentrale Thema der Salzburger Bioethik-Dialoge. Im Hinblick auf die zu erwartende Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes, ob in Österreich Sterbehilfe und assistierter Suizid künftig straffrei gestellt werden sollen, waren Erfahrungsberichte der Referenten aus den Niederlanden und der Schweiz besonders gefragt.

Theo Boer, niederländischer Gesundheitsethiker, war zehn Jahre Mitglied der staatlichen Prüfungskommission für aktive Sterbehilfe in den Niederlanden. Anfangs war er ein Befürworter der aktiven Tötung, in der Hoffnung, den Menschen einen qualvollen Tod zu ersparen. Dann wurde er jedoch kritischer und stellte fest, dass es ein Fehler war, aktive Sterbehilfe zu erlauben! „Hätten wir damals die heutige Palliativmedizin gehabt, wäre die Sterbehilfe womöglich nie legalisiert worden “, ist Boer heute überzeugt.
Sein Befund: Es gibt Druck von außen auf sterbewillige Patienten, aber der innere Druck, sich als Last zu fühlen, sei noch gefährlicher. Gerade bei Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen wisse man nicht, ob der Todeswunsch nicht Teil der Krankheit sei. Die Erfahrung zeige, dass der Todeswunsch ambivalent ist und Menschen selbst bei unheilbaren Krankheiten lernen können, damit umzugehen. Unter den Psychiatern gebe es immer mehr „Totalverweigerer“ der Euthanasie.
Anfangs restriktive Gesetze wurden im Laufe der Jahre immer weiter aufgeweicht, was einer Dynamik entspricht, die nach Beobachtung des Ethikers offenbar nicht aufzuhalten ist. „Kaum ist es legalisiert, gehen Befürworter vor Gericht, das sei ungerecht, grenze etwa psychiatrische Patienten und chronisch Kranke aus“, so Boer.
Seit einigen Jahren wird in den Niederlanden gefordert, dass auch rüstige Senioren ab 75 Jahren, die mit ihrem Leben abgeschlossen haben, eine „Letzte-Wille-Pille“ für den Suizid in der Apotheke frei abholen können. Ein Gesetzesvorschlag dazu wurde eingebracht. Nun soll auch die Sterbehilfe für Kinder unter 12 Jahren legalisiert werden (wie schon in Belgien). Die Entwicklungen in den Niederlanden würden klar zeigen, dass es „uns nicht guttut, einander den Tod zu organisieren“.
Einer holländischen Studie von Anfang 2020 zufolge nannten 56 Prozent der Menschen mit Sterbehilfe-Wunsch als Grund Einsamkeit, 42 Prozent äußerten die Sorge, anderen Menschen zur Last zu fallen und 36 Prozent nannten Geldmangel. Fazit: Wenn Menschen in ihrer letzten Lebensphase Zuwendung und Beistand erhalten, ohne das Gefühl haben zu müssen, jemandem zur Last zu fallen, würde so mancher Sterbewunsch wohl erst gar nicht entstehen.

(Paula Glaser)