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Weniger Schmerzen für ein besseres Leben

Schmerz ist von der Geburt bis zum Tod ein ständig drohender Begleiter unseres Lebens. Deshalb suchen wir ihn tunlichst zu vermeiden. Das gelingt jedoch nicht immer in ausreichendem Maß, vor allem bei chronischen Schmerzen. Dennoch kennt die Medizin heute ein breites Spektrum an Möglichkeiten, Schmerzen zumindest auf ein erträgliches Maß zu mildern. Der Weg dorthin ist für die PatientInnen allerdings meist lange, mühsam und oft auch noch ziemlich teuer.

Das Recht auf Schmerzversorgung
In Artikel 7/Abs.1 der Österreichischen Patientencharta ist zu lesen: „Diagnostik, Behandlung und Pflege haben entsprechend dem jeweiligen Stand der Wissenschaften bzw. nach anerkannten Methoden zu erfolgen. Dabei ist auch der Gesichtspunkt der bestmöglichen Schmerztherapie besonders zu beachten“ (BMGF 2015). Leider ist dieses Ziel aus mehreren Gründen oft schwer zu erreichen. Zunächst gibt es an keiner medizinischen Universität in Österreich in der regulären Ausbildung das Fach „Schmerzmedizin“. Erst danach werden von der Medizinischen Universität Wien und von der Ärztekammer postgraduelle Lehrgänge zu diesem Thema angeboten. Diagnostik und Therapie sind zeitlich aufwendig und werden von den Krankenkassen meist nicht adäquat honoriert. Daher wird spezialisierte Schmerztherapie außerhalb der Spitalsambulanzen meist nur durch WahlärztInnen offeriert. Bestehende Schmerzambulanzen werden immer öfter wegen Personalmangels zeitlich eingeschränkt. All das trägt dazu bei, dass sich SchmerzpatientInnen in vielen Fällen nicht ernst genommen fühlen, selbst nach zahlreichen Arztbesuchen keine zielführende Diagnose erhalten und noch weniger eine wirksame Therapie!

Warum tut es weh?
Schmerz ist entwicklungsgeschichtlich ein Schutzmechanismus. Er hat die Aufgabe, uns bei Verletzungen, Entzündungen oder drohenden Organschäden zu warnen. Dabei werden Schmerzrezeptoren, die sich am Ende der Nerven befinden, aktiviert. Von dort gelangen diese Reize über das Rückenmark ins Gehirn. In besonderen Situationen erzeugt der Körper selbst Stoffe, die den Schmerz lindern, sogenannte Endorphine. Das kann bei schweren Verletzungen dazu führen, dass man die Schmerzen erst mit „Verspätung“ wahrnimmt. Die Medizin unterscheidet zwischen akuten und chronischen Schmerzen. Akute Schmerzen treten ein, wenn ein Gewebe beschädigt wird, z. B. bei Knochenbrüchen, Bandscheibenvorfällen oder Zahnschmerzen. Sie haben also eine unmittelbare Ursache und eine Schutzfunktion. Von chronischen Schmerzen spricht man, wenn sie über einen längeren Zeitraum anhalten – im Allgemeinen länger als drei bis sechs Monate. Oft haben sie mit dem ursprünglichen Ereignis gar nichts mehr zu tun, sind aber in unserem „Schmerzgedächtnis“ gespeichert. Die Ursachen dafür können vielfältig sein, genauso wie die Auswirkungen. Chronische Schmerzen schränken die Betroffenen nicht nur körperlich ein, sie bringen häufig Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen und (Existenz-)Angst mit sich. Das alles führt zu einer Beeinträchtigung der Lebensqualität, oft verbunden mit sozialem Rückzug und Depression.

Welchen Einfluss hat die Psyche?
Grundsätzlich gilt, dass Aufmerksamkeit, innere Einstellung und Gefühle unser Schmerzempfinden verstärken oder schwächen können. Vor allem bei chronischen Schmerzen sind psycho-soziale Einflüsse von Bedeutung. Die Betroffenen glauben zunächst, dass sie ein körperliches Problem haben und erwarten vom Arzt, dass er diesen Schaden „repariert“. Wird aber keine Schädigung festgestellt, haben Schmerzkranke schnell die Sorge, dass man ihnen nicht glauben könnte. Es gibt aber neben den rein körperlichen Ursachen eine ganze Reihe anderer wichtiger Faktoren, die für die Entstehung von Schmerzen verantwortlich sein können. Etliche Studien haben gezeigt, dass die häufigste Ursache chronischer Schmerzen eine Kombination aus langanhaltenden körperlichen, psychischen und/oder sozialen Belastungen ist. Stress führt in unserem Körper unter anderem auch zu vermehrter Muskelanspannung. Dauernder Druck verändert die Nervensensibilität, dadurch kann es in der Folge dieser Daueranspannung zu Schmerzen in Muskeln, Sehnenansätzen, Knochenhaut oder Bindegewebe kommen. So entsteht leicht ein Teufelskreis aus Schmerz, Bewegungseinschränkung und Erschöpfung. Neben aktuellen Belastungen können auch weit zurückliegende traumatische Erlebnisse wie Unfälle, Gewalterfahrungen oder Krankheiten unsere Schmerzempfindlichkeit beeinflussen.
Welche Therapien versprechen Erfolg?
Das Angebot an Schmerztherapien ist ebenso vielfältig wie unüberschaubar! Akute Schmerzen sind durch medikamentöse und physikalische Therapien in der Regel gut behandelbar. Anders ist dies bei chronischen Schmerzen, wo gerade diese beiden Mittel oft nicht zum gewünschten Erfolg führen. Nach übereinstimmenden Erkenntnissen von Fachleuten und Ergebnissen von Studien bringt die sogenannte „multimodale Schmerztherapie“, bei der unterschiedliche Behandlungsansätze kombiniert werden, bessere Ergebnisse. Hier geht es darum, dass sich ein Team von mehreren Fachleuten um die PatientInnen kümmert. Die zentralen Therapiesäulen sind insbesondere körperlich aktivierende Maßnahmen inklusive Bewegungstherapie mit Informationen und Anweisungen für die PatientInnen sowie psychologisch-psychotherapeutische Behandlungsansätze. Ergänzend können auch Akupunktur, Hypnose, Yoga und andere alternative Methoden zum Einsatz kommen. Wichtig dabei ist, dass die einzelnen Therapieschritte wie Teile eines Puzzles ineinandergreifen, in dessen Mitte die PatientInnen stehen. Entscheidend für den Erfolg ist jedoch der Wille der Betroffenen, auch selbst mitzuarbeiten und Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen.

Wo Sie Hilfe erhalten
Quer durch Österreich haben sich Schmerzleidende zu Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen. In diesen Gruppen kommen Menschen zusammen, die von denselben Problemen betroffen sind. Hier bekommen sie wichtige Informationen und können sich mit anderen Betroffenen austauschen. Die Möglichkeit, die eigene Krankengeschichte zu erzählen, hat einen therapeutischen Effekt und wirkt sich positiv auf die Krankheitsbewältigung und die soziale Gesundheit der Betroffenen aus. Kontakt: www.selbsthilfe.at. Eine weitere Möglichkeit bieten die Schmerzambulanzen in den öffentlichen und einigen privaten Krankenhäusern in ganz Österreich. Kontaktmöglichleiten finden Sie auf der Plattform „Allianz Chronischer Schmerz“ der Österreichischen Schmerzgesellschaft unter www.schmerz-allianz.at. Für den niedergelassenen Bereich sind PatientInnen leider entweder auf Eigeninitiative oder auf Empfehlungen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis angewiesen, da man weder auf der Homepage der Ärztekammer noch auf diversen Onlineplattformen ein Verzeichnis von auf Schmerzmedizin spezialisierten ÄrztInnen findet.

Buchempfehlungen:

  • Prof. Dr. med. Sven Gottschling / Lars Amend: Schmerz los werden; Fischer Verlag
  • Prof. Dr. med. Gustav Dobos: Endlich schmerzfrei und wieder gut leben; Scorpio Verlag

INTERVIEW:

Dr. Kurt Semmernegg, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin am LKH Südsteiermark, Standort Wagna, und diplomierter Schmerzmediziner, im Interview über die Bedeutung von Akutschmerz und chronischen Schmerzen und die Wichtigkeit einer adäquaten Schmerztherapie.

Laut einer Studie leiden 20 bis 25 Prozent der Menschen in Deutschland jeden Tag an chronischen Schmerzen. Gilt das auch für Österreich?
Semmernegg: Absolut! Schmerz als gesundheitlicher Belastungsfaktor und seine Folgen werden zu häufig unterschätzt! Nicht nur vom Schmerzpatienten selbst, sondern auch von seinem sozialen Umfeld und dem medizinisch-pflegerischen Fachpersonal. Fehlendes adäquates schmerz-medizinisches Wissen und die Existenz von Schmerz-Mythologien, wie z. B. „Morphin sei nur etwas für Sterbende mit Schmerzen“, sind immer noch ein guter Nährboden für schmerzmedizinisches Unverständnis. „Zähne zusammenbeißen und ja nicht zeigen, dass es weh tut“, trägt dazu bei, dass sich Schmerzen verfestigen und chronisch werden können. Für mich lautet daher der erste Grundsatz der Schmerzmedizin: Vermeide den Schmerz! Jedes Schmerzereignis hat Potential, eine Erinnerungsspur unterschiedlicher Tiefe in unserem Nervensystem zu hinterlassen. Die Linderung von Schmerzen ist eine elementare Aufgabe von Pflege und Medizin. Insofern sind ein Basiswissen und –können Voraussetzung und entsprechendes Handwerkszeug im beruflichen Alltag unentbehrlich.

Warum ist Schmerzmedizin für den Patienten und sein betreuendes Team eine Herausforderung?
Semmernegg: Akutschmerz, beispielsweise nach einer Operation, oder auch Schmerzen im Rahmen einer Tumorerkrankung lassen sich in der Regel gut behandeln. Meist ist es eine Frage der Kombination geeigneter Schmerzmedikamente und deren adäquater Dosierung. Anders bei chronischen Schmerzen. Stellen Sie sich chronischen Schmerz wie ein volles Glas vor. Viele unterschiedliche schmerzrelevante Erfahrungen und Ereignisse füllten es, und irgendwann ist es voll und läuft über. Am Beginn des schmerzmedizinischen Therapieweges ist es daher wichtig, mit den Patienten Konzepte zu entwickeln, damit keine weiteren „Schmerz-Tropfen“ in das Glas kommen. In späteren Schritten kann versucht werden, das Glas ein wenig zu leeren. Schmerzfreiheit bei chronischem Schmerz zu erreichen ist sehr schwierig, Linderung aber gut möglich! Meine Aufgabe als Schmerzmediziner ist es, den Patienten auszubilden, ihm die schmerzmedizinischen Werkzeuge in die Hände zu gegeben, damit er seinen Schmerz gut lindern kann. Aber: Gute Schmerztherapie braucht Zeit, Gespräch und Mitarbeit!

Stichwort Gespräch: Alte oder demente Menschen haben oft Schmerzen, können sich aber nicht mehr verbal artikulieren. Wie kann man ihnen trotzdem helfen?
Semmernegg: Bei diesen Patientengruppen müssen wir eine andere „Schmerzsprache“ lernen! Deren Grundlage ist es, Verhaltensänderungen zu kennen, die durch Schmerz verursacht werden. Beispiele dafür sind: Unruhe, Reizbarkeit, Appetitlosigkeit, geistige Leistungsminderung, Schlaflosigkeit, Gangunsicherheit und vieles mehr. Es gibt standardisierte Verfahren, die helfen, den Verdacht auf ein zugrundeliegendes Schmerzthema zu untermauern. Nach der Gabe eines entsprechenden Schmerzmedikaments überprüft man das Verhalten der betroffenen Person erneut. Schmerztherapie erfordert regelmäßige Kontrollen der gesetzten Maßnahmen und immer wieder Anpassungen. Hier ist vor allem das Pflegepersonal gefordert, denn das verbringt viel Zeit mit den Betroffenen und kann folglich Verhaltensänderungen frühzeitig erkennen. Dafür braucht es aber eine schmerzmedizinische Sensibilisierung und Aus- bzw. regelmäßige Weiterbildung. Studien zeigen, dass optimierte Schmerztherapie im Alter nicht nur die Lebensqualität steigert, sondern auch die Alltagsfunktionalität und Autonomie. Beruhigungs- oder Schlafmittel sind kein adäquater Ersatz für Schmerzmedikamente!

Der Einsatz von auf Cannabis basierenden Medikamenten in der Schmerztherapie wird immer wieder diskutiert – wie ist Ihre Meinung dazu?
Semmernegg: Es handelt sich dabei nicht um schmerzmedizinische Wunderwaffen oder einen Schmerz-Zauberstab, den ich mir oft für meine Patienten wünschen würde. Diese wirksamen Medikamente haben ihren Stellenwert in der Schmerzmedizin und machen in der Hand von erfahrenen Therapeuten durchaus Sinn. Je besser mein schmerzmedizinischer Werkzeugkoffer ausgestattet ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, einen lebbaren, alltagstauglichen schmerzmedizinischen Weg mit dem Betroffen entwickeln zu können.

(Text des Leitartikels und Interview: Gaby Valentinitsch)