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Pflegeheime in Zeiten von Corona:
Alltag zwischen Hoffnung und Bangen, zwischen Freude und Tränen

Der Hospizverein Steiermark arbeitet seit jeher eng mit vielen steirischen Pflegeeinrichtungen zusammen. Rund ein Drittel aller Hospizbegleitungen wird dort von MitarbeiterInnen des Hospizvereins durchgeführt. Unter anderem im Rahmen des Projektes „Hospiz und Palliative Care“, das vor mittlerweile zehn Jahren in den ersten steirischen Pflegeeinrichtungen eingeführt wurde. Auch in Corona-Zeiten, wo Hospizbegleitung gar nicht oder nur eingeschränkt möglich war und ist, steht der Hospizverein regelmäßig mit Pflegeeinrichtungen in Kontakt. Nicht direkt vor Ort sein zu können, belastet viele engagierte Ehrenamtliche – vor allem, wenn sie Menschen schon lange begleitet haben und wissen, dass diese auch jetzt auf sie warten.


„Unsere Arbeit ist rund um die Uhr von Corona bestimmt!“

Pflegeeinrichtungen stehen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie ganz besonders im Mittelpunkt. Dort lebt mit betagten Menschen eine Hauptrisikogruppe, und dort arbeitet mit dem Pflegepersonal eine systemerhaltende Berufsgruppe unter herausforderndsten Bedingungen. Der Situation der BewohnerInnen haben wir uns in unserer Hospizzeitung „DaSein“ bereits gewidmet – speziell unter dem Schwerpunkt „Selbstbestimmung“. Diesmal steht die Arbeit der Heimleitungen, Pflegedienstleitungen und des Pflegepersonals im Zentrum. Wir geben einen Einblick in den herausfordernden Pflegealltag in Zeiten von Corona und lassen Menschen, die direkt an der Basis arbeiten, erzählen.

Christina Grill, Hausleiterin, Caritas Pflegewohnhaus, Friedberg:

Es gibt keinen normalen Alltag mehr! In den 18 Jahren als Hausleiterin habe ich noch nie eine Zeit erlebt, die so herausfordernd, besorgniserregend und unsicher war. Wir haben hier sehr viel aufgebaut rund um Selbstbestimmung oder diverse Aktivitäten. Es hat keine Besuchsregelung gegeben; wir lebten jeden Tag einen „Tag der offenen Tür“. Jetzt hat sich das alles geändert. Jeder Tag ist mit neuen Entscheidungen und Aufgaben verbunden. Doch wir sind gefordert, auch in der Krise für ein Höchstmaß an Normalität zu sorgen. Auch wenn jetzt vieles, wie die beliebten Ausflüge, nicht möglich ist. Unsere BewohnerInnen sind natürlich trotz allem sehr gut versorgt, betreut und gepflegt, Angehörige können wir dennoch nicht ersetzen.
Aber: Wir sind in dieser Situation auch weiter zusammengewachsen. Trotz körperlicher Distanz ist eine spezielle Nähe entstanden. Im Team, zwischen Pflegepersonal und BewohnerInnen aber auch unter den BewohnerInnen. Es haben sich neue und intensive Freundschaften gebildet. Es wurde bewusst, dass wir alle aufeinander angewiesen sind. Ich kann nur sagen: Hochachtung vor dem gesamten Team. Als Außenstehender kann man sich wohl nur schwer vorstellen, was es bedeutet, in diesem Spannungsfeld zu arbeiten. Ich bin voll Bewunderung für jede Person, die jetzt im Gesundheitsbereich tätig ist. Deshalb macht mir auch die Sorglosigkeit, mit der manche Menschen das Thema betrachten, traurig. Mir fehlt momentan die Ernsthaftigkeit. Im Frühling wurden wir, in der Pflege, beklatscht. Im Herbst ist die Stimmung gekippt – in Richtung: Ihr engt und sperrt BewohnerInnen ein.
Umso wohltuender ist ein hervorragendes Team, das die schwierige Situation professionell mitträgt. Viel Unterstützung erhalten wir auch vor Ort, etwa von der Bezirkshauptmannschaft. Dennoch: Die Ad-hoc-Entscheidungen kann uns keiner abnehmen. Das führt zu einer permanenten Anspannung. Solange wir im Tun sind, wird das nicht so spürbar sein. Ich glaube, wir werden erst später merken, was hier eigentlich alles bewerkstelligt wurde.

Brigitte Pichler, Hausleiterin, Pflegeheim Zerlach:

Wir haben seit Monaten keine Verschnaufpause. Unser Alltag ist durch Corona unglaublich stressig geworden. Die große Belastung liegt vor allem im Ungewissen und in den ständigen Änderungen. Da heißt es gut auf die MitarbeiterInnen schauen und auch selbst motiviert bleiben. Wir haben zwei Corona-Runden hinter uns. Einmal gab es im Frühjahr positiv Getestete und Erkrankte und dann um Weihnachten ein zweites Mal. Das waren enorme Belastungen. Das Gute daran: Das Team ist dadurch noch mehr zusammengewachsen. Man kann sich auf jede und jeden zu zweihundert Prozent verlassen. Das ist großartig. Die MitarbeiterInnen kommen trotz allem gut gelaunt und gerne in die Arbeit und sind positiv eingestellt.  Das ist für die BewohnerInnen und für die Atmosphäre im Haus wertvoll. Und besonders wichtig, wenn Stresstreiber den Druck zusätzlich erhöhen – das sind etwa laufend geänderte Verordnungen oder besorgte Angehörige, die anrufen, weil sie etwas gehört oder gelesen haben und informiert werden wollen. Zusammen mit allen anderen Herausforderungen bringt das die MitarbeiterInnen verständlicherweise an ihre Grenzen.
In der zweiten Corona-Phase waren die Erfahrungen aus dem ersten Mal sehr hilfreich. Vor allem zu wissen: es ist bewältigbar! Diese Grundstimmung hat alle enorm gestärkt.
Hilfreich ist auch der Austausch mit KollegInnen sowie das große Verständnis, das BewohnerInnen und Angehörige zeigen. Angehörige bringen Schokolade oder Kaffee vorbei – und drücken ihre Wertschätzung aus. Das sind unschätzbare Kraftquellen, die viel Energie geben.
Dennoch, bei allem Bemühen unsererseits und aller Eigenmotivation, merken wir, dass es den BewohnerInnen mit der Zeit langweilig wird. Das Bedürfnis nach Gruppe, nach großen Veranstaltungen steigt. Zu Weihnachten haben wir kleine einzelne Feiern gemacht. Da sind viele Tränen geflossen. Und da wird einem klar, welch große Verluste hier zurzeit alle Beteiligten erleiden. Aber es gibt keine Alternative, solange uns Corona im Griff hat. Außer: viel reden und viel lachen!

Martina Kranyecz, Pflegedienstleiterin, Seniorenwohnheim der Volkshilfe, Bairisch Kölldorf:

Ich frage mich manchmal schon, was ich eigentlich vor Corona gemacht habe. Denn jetzt ist der Arbeitsalltag fast ausschließlich von Corona bestimmt. Da fließt der Großteil unserer Ressourcen hinein. Und ein Gutteil der Zeit ist durch Corona-Sicherheitsmaßnahmen blockiert. Wir testen, dokumentieren, kümmern uns um das BesucherInnen-Management usw. Das hat unseren Beruf natürlich um Vieles herausfordernder gemacht. In den letzten Wochen haben wir uns hauptsächlich den Impfungen gewidmet – von der Erhebung der Impfbereitschaft, dem Einholen der Einverständnis-Erklärungen, der Bereitstellung des Informationsmaterials bis hin zur Koordinierung der Impftermine. Das alles nimmt viel Zeit in Anspruch. Zeit, die uns bei unserem „Alltagsauftrag“ fehlt. Und das ist ja immerhin das Wichtigste: Zeit für unsere BewohnerInnen zu haben. Damit wir trotz Pandemie unserem Leitbild gerecht werden und dafür sorgen können, dass unsere BewohnerInnen in Würde alt werden können und beim Sterben nicht alleine sind.
Vor allem zu Beginn der Corona-Krise war es besonders notwendig, Ruhe ins Haus zu bringen und Klarheit zu schaffen – bei den BewohnerInnen und Angehörigen, aber auch bei den MitarbeiterInnen. Weil es ja viel Unsicherheit, viele Neuerungen und Regelungen gab. Das war eine große zeitliche, aber auch fachliche Herausforderung.
Unser Haus war außerdem selbst von Corona betroffen. In dieser Zeit haben alle MitarbeiterInnen Hand in Hand gearbeitet. Der Zusammenhalt in den engagierten Teams war einzigartig. Niemand hat Nein gesagt; alle haben ihr Möglichstes getan, um die BewohnerInnen im Haus zu schützen und gleichzeitig weiterhin gut zu betreuen. Eine enorme Herausforderung für alle: MitarbeiterInnen und BewohnerInnen. Wir hatten in dieser Zeit jedoch auch sehr viel Rückhalt: von den Angehörigen aber auch von unserer Volkshilfe Zentrale, die uns bei der Organisation und Kommunikation bestens unterstützt hat.

Ksenja Kotnik, Pflegedienstleiterin, „Gepflegt Wohnen“, Gamlitz:

Das war beruflich das mit Abstand herausforderndste und anstrengendste Jahr, das ich je erlebt habe. Die große Unsicherheit, die ständige Angst, die Besuchsverbote – das war und ist für unsere BewohnerInnen und auch für uns in der Pflege wirklich eine seelische Qual. Das hat uns direkt und tief getroffen. Gerade im ersten Lockdown im Frühling, wo es die Leute hinauszieht, hat es eine enorme Einschränkung der Freiheit gegeben. Da hat sich auch rasch eine traurige Grundstimmung breit gemacht. Immer wieder fallen Sätze wie: „Mir wurde meine letzte Freude genommen“, wenn man BewohnerInnen erklären muss, dass jetzt etwa das Enkerl vorerst nicht auf Besuch kommen darf.
Durch die Corona-Vorschriften und Schutzbekleidung wie den Mund-Nasen-Schutz hat sich auch unsere gesamte Kommunikation verändert. Die Menschen waren vor allem am Anfang sehr irritiert durch die Masken. Das Gesicht war ja weitgehend verdeckt, man konnte nicht von den Lippen ablesen, es gab einen eingeschränkten und völlig veränderten Körperkontakt. Alles, was die besondere Betreuung ausmacht, war plötzlich nicht mehr möglich.
Dazu galt es ständig neue und sich ändernde Vorgaben zu berücksichtigen und umzusetzen. Das hat enormen Druck aufgebaut. Mit unzähligen Gesprächen konnten wir dennoch gut zur Entspannung der Situation beitragen – bei den BewohnerInnen ebenso wie bei den MitarbeiterInnen und vor allem auch den Angehörigen. Diese wurden anfangs zweimal in der Woche angerufen und informiert. Wir bemühen uns außerdem, den fehlenden Besuch so gut es geht durch intensive Einzelbetreuung auszugleichen. Es braucht sehr viel Know-how, Kraft und Liebe zum Beruf, um das alles bewältigen zu können. Dahingehend ist der wertschätzende Umgang der Vorgesetzten und Geschäftsführung für uns eine große Stütze. Wir können immer anrufen, es gibt laufend Gespräche – das ist enorm viel wert. Jetzt liegt die große Hoffnung auf der Impfung und dass im kommenden Frühling das Schlimmste vorbei ist und wir wieder gemütlich zusammensitzen und unsere BewohnerInnen an den Händen halten können.

Sabine Haspl, Pflegedienstleiterin, Haus der Senioren Föhrenhof, St. Johann in der Haide:

Danke der Nachfrage, uns geht es gut – auch wenn seit Corona natürlich alles viel anstrengender geworden ist. Vor allem die enorme Verantwortung und der erhöhte Arbeitsaufwand lasten sehr auf uns. Und das Ungewisse. Da braucht es viel Motivation und Ermutigung zum Durchhalten – für die BewohnerInnen, die Angehörigen und besonders auch die MitarbeiterInnen. Wir haben zum Glück noch keinen positiven Fall gehabt und unsere BewohnerInnen konnten sehr lange ein hohes Maß an Freiheit genießen. Dennoch war eine völlige Neuregelung der Tagesstruktur notwendig. Vor allem, weil Vorgaben oft sehr kurzfristig gekommen sind.  Einfach den Hausverstand einzusetzen hat sich da sehr bewährt.
In der ersten Lockdown-Phase war die Akzeptanz das größte Problem. Wir haben viel erklärt und kommuniziert. In der Besuchsverbotszeit haben wir die Angehörigen jede Woche angerufen und am Laufenden gehalten, damit kein Misstrauen entsteht.
Es ist uns wichtig, auch in dieser schwierigen Zeit, ein würdevolles Leben und Sterben im Auge zu haben. Menschen am Lebensende können bei uns auch immer unter Einhaltung bestimmter hygienischer Regeln öfter und länger besucht werden. Aufschieben auf später, diese Zeit bleibt nicht, daher versuchen wir die gesetzlichen Vorgaben mit dem Blick der Menschlichkeit umzusetzen.
Auch als wir einen Verdachtsfall unter den MitarbeiterInnen hatten, war offenes Kommunizieren der wirksamste Weg die Herausforderung zu meistern. Es hat sich zum Glück als Falschbefund herausgestellt. Da bin ich sehr, sehr stolz auf das Team, das die Situation gefasst und ruhig mitgetragen hat. Angesichts des Übermenschlichen, das hier geleistet wird, würde ich mir wünschen, dass unsere Arbeit mehr gesehen und respektiert wird. Die Wertschätzung für den enormen Beitrag, den die Pflege leistet, fehlt mir leider. Umso schöner sind jedoch der gute interne Zusammenhalt, die perfekte Zusammenarbeit mit der Hausleitung und der Rückhalt, den wir etwa von der Gemeinde bekommen. Das stärkt!

Auch seitens der Landesrätin für Gesundheit und Pflege, Juliane Bogner-Strauß, kommt höchstes Lob für den großartigen Einsatz in den Pflegeeinrichtungen:

„Das vergangene Jahr war wohl für uns alle eines der herausforderndsten unseres Lebens. Die Eindämmung der Pandemie erfordert immer noch massive Einschränkungen im Berufsleben und in der Freizeit. Ganz besonders betroffen waren – und sind es nach wie vor – sensible Bereiche wie die Pflege und die Begleitung von Menschen am Ende ihres Lebens. Trotz allem werden hier, auf fachlich höchst kompetente und vor allem menschliche Weise, großartige Leistungen erbracht, die dem enormen Einsatz aller Beteiligten zu verdanken sind. Als politisch Verantwortliche für den Gesundheits- und Pflegebereich und in höchster persönlicher Wertschätzung spreche ich dafür meinen herzlichen Dank aus.“

Fotocredits: KK (5), Marja Kanizaj, istock                        Text: Johanna Vucak