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Der Mensch ist was er isst

Ernährung ist ein wichtiger Teil unseres (Über)Lebens. Sie stillt nicht nur den Hunger und liefert die notwendige Energie und Nährstoffe für unseren Stoffwechsel. Sie ist auch mit Genuss verbunden und schenkt Lebensqualität. Wenn das Essen nicht mehr schmeckt oder sogar zur täglichen Herausforderung wird, kann das unser Wohlbefinden entscheidend beeinträchtigen. Die gute Nachricht ist: Meist kann man etwas dagegen tun!

Wenn der Motor langsamer wird
Altern beginnt im Prinzip schon mit der Geburt. Während wir in den ersten 20 Jahren mit dem Heranwachsen beschäftigt sind, beginnt ab ca. 30 Jahren der individuelle Alterungsprozess. Erste Falten und graue Haare sind nur die äußerlich sichtbaren Zeichen. Aber auch die Gefäße und Organe altern. Im höheren Lebensalter wird dieser Prozess noch beschleunigt. Oft nehmen auch körperliche und geistige Beweglichkeit ab, wenn man nicht bewusst gegensteuert. Bewegungsmangel führt zum Abbau der Muskulatur. Durch geringeres Durstempfinden wird oft zu wenig getrunken, was ebenfalls zu Beeinträchtigungen führen kann. Der Stoffwechsel verlangsamt sich, wodurch auch Medikamente, die häufig mit zunehmendem Alter eingenommen werden, langsamer abgebaut werden. Daher wird gesunde Ernährung jetzt besonders wichtig, aber nicht nur. Es gibt zusätzliche Faktoren, die sich positiv auf das Wohlbefinden und damit auch auf den Appetit auswirken.

In Bewegung bleiben
Dass regelmäßige moderate Sporteinheiten unser Wohlbefinden steigern, haben unzählige Studien gezeigt. Selbst bei Chemotherapien während einer Krebserkrankung werden Spaziergänge ausdrücklich empfohlen. Ausreichender Schlaf und das Pflegen von sozialen und kulturellen Kontakten sind ebenso wichtig wie geistige Anregungen. Ernährungsmäßig bedeutet dies, verstärkt auf die Zusammensetzung der Mahlzeiten zu achten. Insgesamt verbrauchen alte Menschen weniger Kalorien, benötigen aber genauso viele Vitamine, Mineralstoffe und vor allem genügend Eiweiß. Möglichst frische Lebensmittel verwenden, Gemüse und Obst sowie Eiweißlieferanten wie Milchprodukte, Eier, Fisch oder Hülsenfrüchte. Besonders achten auf Vitamin D und Folsäure.

Krankheit isst mit
Ein häufiges Thema im Alter ist die „Multimorbidität“, das gleichzeitige Bestehen mehrerer behandlungsbedürftiger Krankheiten, die mit den entsprechenden Medikamenten therapiert werden. Je mehr Medikamente gleichzeitig eingenommen werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit unangenehmer Nebenwirkungen. Dadurch kann es häufig zu Appetitlosigkeit, Übelkeit und Geschmackstörungen kommen. Auch Mundtrockenheit kann auftreten, ebenso wie Durchfall und Verstopfung, vor allem durch starke Schmerzmittel wie Opiate. Ein Gespräch mit dem Hausarzt kann klären, ob wirklich alle derzeit eingenommenen Medikamente noch notwendig sind. Ist das der Fall, kann der behandelnde Arzt versuchen, durch Ausweichen auf ein anderes Präparat Abhilfe zu schaffen.

Appetitkiller Krebs
Die Diagnose Krebs bedeutet für jeden Menschen einen ausgeprägten Einschnitt in seiner Lebenssituation. Emotionale Faktoren wie Unsicherheit, Angst und auch Depression können sich im wahrsten Sinn des Wortes „auf den Magen schlagen“. Hinzu kommen oft unliebsame Nebenwirkungen durch Chemo- und Strahlentherapie. Diese entstehen dadurch, dass diese Medikationen nicht nur die Tumorzellen, sondern auch gesunde Zellen angreifen. Bestrahlungen können Kau- und Schluckbeschwerden verursachen, Zytostatika Geschmacksveränderungen hervorrufen, so dass Süßes unerträglich süß schmeckt und Fleisch bitter. Selbst die Lieblingsspeise fühlt sich oft völlig verändert an. Mit relativ einfachen Mitteln kann es gelingen, unangenehme Nebenerscheinungen zu mildern. Mehrere kleine Mahlzeiten sind meist besser verträglich. Gegen Mundtrockenheit helfen Kaugummi oder das Lutschen von säuerlichen Bonbons. Bei Kau- und Schluckbeschwerden eher auf weiche Speisen wie Cremesuppen und Pürees setzen. Bei Übelkeit stark gewürzte und fette Speisen eher meiden. Geschmacksveränderungen lassen sich durch Mundspülungen mit Kamillen- oder Salbeitee bekämpfen. Reichen diese Maßnahmen nicht aus, empfiehlt sich ein Gespräch mit einer Ernährungsberatung.

Altersgeißel Demenz
Menschen mit Demenz haben ein hohes Risiko für Mangelernährung. Der fortschreitende Verlust der kognitiven (geistigen) Fähigkeiten führt zwangsläufig auch zu Ernährungsproblemen. Die Kranken „vergessen“ zu essen oder auch zu schlucken. Häufig wird dann die Nahrung auf dem Teller oder auch im Mund hin und her geschoben. Um die PatientInnen ausreichend mit Nährstoffen zu versorgen, benötigt man oft viel Zeit und Geduld. Eine gesunde Mischkost mediterraner Prägung – Olivenöl, Knoblauch, viel frisches Obst und Gemüse sowie Fisch – wird vielfach empfohlen. Da gerade Demenzkranke sehr oft auf ihre Gefühle konzentriert sind, kann es hilfreich sein, mit der Nahrung alle Sinne anzusprechen. Z.B.  Lebensmittel mit kräftigen Farben einsetzen und buntes Geschirr verwenden. Süße, fettige und würzige Speisen werden oft bevorzugt. Ein Ess- und Trinkprotokoll über einige Tage kann bei der Bedarfsermittlung unterstützen. Kommt es dennoch zur Gewichtsabnahme, kann man versuchen, die Speisen zunächst mit zusätzlichen Nährstoffen anzureichern und durch kalorienreiche Trinknahrung und/oder Zusatznahrung zu ergänzen. Eine Sondenernährung sollte immer das letztmögliche Mittel sein und bedarf intensiver ärztlicher Begleitung und der ausdrücklichen Zustimmung der Betroffenen (siehe auch Abbildung).

Und zuletzt
In der letzten Phase ihres Lebens wollen viele Menschen weder essen noch trinken. Dieses Verhalten stößt vor allem bei Angehörigen oft auf Unverständnis und Angst, die PatientInnen könnten verdursten oder verhungern. PalliativmedizinerInnen hingegen erklären übereinstimmend, dass die Gabe von Nahrung und besonders von Flüssigkeit in dieser Phase oft gerade das Gegenteil von dem bewirkt, was man erreichen möchte. „Viele Menschen können zu diesem Zeitpunkt mit Flüssigkeit nichts mehr anfangen. Die Nieren arbeiten nicht mehr richtig, was dazu führt, dass die Flüssigkeit in den Lungen ´gebunkert´ wird und die Menschen Luftnot bekommen,“ erklärt Prof. Sven Gottschling, Chefarzt des Zentrums für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg/Deutschland. „Wir können das Sterben nicht verhindern, aber wir können diesen Menschen ersparen, ihnen mit Zwangsernährung zusätzliches Leid zuzufügen. Wenn Menschen Nahrung nicht mehr freiwillig zu sich nehmen, sollten wir das so stehen lassen!“
(Gaby Valentinitsch)

Wo es Hilfe gibt:

Österreichische Krebshilfe Steiermark
Rudolf-Hans-Bartsch-Straße 15-17, 8042 Graz
Tel: 0316 47 44 33, www.krebshilfe.at

Buchtipps:

  • Sven Gottschling u. Lars Amend: Leben bis zuletzt – was wir für ein gutes Sterben tun können, Fischer Taschenbuchverlag
  • Dorothee Wiederhold: Ernährung im Alter für pflegerische Berufe, Verlag Handwerk und Technik Hamburg

Interview mit Jane Bergthaler

Jane Bergthaler ist ausgebildete Diätologin und Absolventin des Master-studiums „Angewandte Ernährungmedizin“. Sie berät hauptberuflich an der onkologischen Abteilung der Universitätsklinik Graz und auch bei der Steirischen Krebshilfe.

Foto: Werner Stieber

Frau Bergthaler, worauf sollte man ernährungsmäßig bei allen kranken Menschen achten?
Bergthaler:
Das Beste ist immer noch eine gesunde Mischkost. Also Eiweiß, Kohlehydrate und gute Fette und Öle. Vorzugsweise Olivenöl, Rapsöl und für die kalte Küche vor allem auch Leinöl. Sie liefern wichtige Omega-3-Fettsäuren, die mitunter unser Immunsystem stärken und helfen, Entzündungsvorgänge im Körper zu reduzieren.

Was ist besonders wichtig für ältere PatientInnen?
Mit zunehmendem Alter eher mehrere kleine Mahlzeiten einnehmen und auf deren Zusammensetzung achten. Meist wird zu wenig gegessen, das heißt, der Kalorienbedarf wird nicht gedeckt. Gerade Eiweiß wird oft zu wenig aufgenommen, aber Eiweiß ist wichtig für die Muskeln und das Immunsystem. Gut ist es auch zu schauen, worauf man Appetit hat. Im Alter verändert sich der Stoffwechsel, die Körper- und Organfunktionen. Nährstoffe werden großteils schlechter verwertet.

Zum Alter kommt oft noch Demenz hinzu, viele Demenzkranke „vergessen“ auf das Essen oder lehnen es sogar ab. Was können betreuende Angehörige tun?
Auf keinen Fall zum Essen zwingen. Oft hilft es, Nahrungsmittel „im Blick“ zu haben. Zum Beispiel Schälchen mit kalorienreichen Lebensmitteln wie Trockenfrüchte oder Nüsse aufstellen, sofern es keine Schluckbeschwerden gibt. Oder sogenanntes Fingerfood (z.B. kleine Fleischbällchen, Falafel, Braterdäpfel). Auch Suppen oder Trinknahrung aus dem Schnabeltrinkbecher kann man anbieten. Aus der Biografie vertraute Gerichte werden oft besser angenommen.

Viele Menschen betreuen einen krebskranken Elternteil oder Partner zu Hause und können nicht verstehen, warum die Kranken oft auch von ihren Lieblingsspeisen nicht oder nur ganz wenig essen wollen. Was sagen Sie ihnen?
Sowohl durch die Erkrankung selbst als auch durch die Therapien verändern sich der Appetit und das Geschmacksempfinden. Zusätzlich kann sich während der Behandlung die Mundschleimhaut entzünden. Prinzipiell gilt: Den Fokus nicht auf die Nahrungsmenge legen, sondern die Gerichte besser mit Nährstoffen anreichern – insbesondere mit hochwertigen Pflanzenölen und eventuell mit Eiweißpulver. Und vor allem Speisen nach dem Appetit der Betroffenen auswählen. Auch hier besser kleine Portionen anbieten, weil die PatientInnen sonst oft das Gefühl haben „das schaffe ich sowieso nicht“, und das wirkt demotivierend.

Wenn es zu Ende geht, lehnen viele Menschen Essen und Trinken ab. Angehörige haben dann oft Angst, dass sie verdursten oder verhungern.
In der Endphase kann es sein, dass man durch Nahrungszufuhr das Sterben nur hinauszögert. Es ist ein natürlicher Prozess, den man annehmen sollte. Besser ist es, sich Unterstützung durch ein mobiles Palliativteam zu holen. Erste AnsprechpartnerInnen sind in diesem Fall die nächstgelegene Klinik, die SozialarbeiterIn und auch das lokale Hospizteam.

Wann ist es sinnvoll, ein Gespräch mit einer Ernährungsberatung zu suchen?
Sinnvoll ist es immer, aber vor allem dann, wenn man merkt, dass sich das Essverhalten verändert. Es ist leichter einen Gewichtsverlust zu verhindern als verlorenes Gewicht wieder aufzuholen. Die steirische Krebshilfe bietet diese Beratung auch telefonisch an, und zwar kostenlos in der gesamten Steiermark.