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Es ist mir eine große Herzensangelegenheit, hier dabei zu sein

Einer der Höhepunkte im Jubiläumsjahr 2023: Schauspiellegende Klaus Maria Brandauer empfing Ehrenamtliche des Hospizvereins Steiermark zu Spaziergang, Bootsfahrt und gemeinsamem Essen in Altaussee – eine unvergessliche Wertschätzung. Einige Wochen danach ein Gespräch mit dem Weltstar über Leben, Tod – und die Möglichkeiten und Pflicht jedes Einzelnen, die Welt jeden Tag ein bisschen besser zu machen.


Prolog. Klaus Maria Brandauer im Gasthaus Seewiesen in Altaussee, beim gemeinsamen Essen mit Ehrenamtlichen: „Es ist mir wirklich eine große Herzensangelegenheit da dabei zu sein, wo Menschen sich – klarerweise – für das entscheiden, wofür wir uns zu entscheiden haben: Für den Nächsten! Für den Anderen! Für die Leute, denen es nicht gut geht! Die krank sind – und auch gleichzeitig für die, die noch ein bisschen vernebelt durchs Leben gehen. Weil sie denken, ja es geht uns gut und so geht es weiter. Es geht nie weiter. Wenn wir nicht alle diejenigen, die hier sitzen und die anderen, die irgendwo anders sitzen, unterstützen, ganz schwer unterstützen und das eine oder andere Mal durchaus auch sich einspannen lassen, für das, was wir machen, dann ist eigentlich Hopfen und Malz verloren (… ) Es ist offensichtlich unser Schicksal, das ertragen zu müssen. Seien wir froh und beten wir, dass wir nicht dazugehören (…) Aber wenn es ist, nicht schimpfen – es ist ein Teil unserer Existenz, dem wir nicht entkommen können.“

„Wir müssen das Du vor das Ich stellen“!
(Klaus Maria Brandauer)

Szenenwechsel. Wenige Wochen später, Klaus Maria Brandauer in seinem Büro in Wien. Er erzählt von seiner Kindheit, von der Zeit in Aussee, wo er geboren wurde, und von Deutschland, wo sein Vater herstammte und wo er zur Schule gegangen ist. „Ich bin da immer hin und her gependelt. Schule beim Vater in Deutschland, Ferien beim Großvater in Altaussee. Dort war auch die Baschtl Waberl zuhause. Und wann immer ich von Deutschland gekommen bin, führte mich der erste Weg zu ihr. Die Baschtl Waberl war eine alte Frau, vielleicht um die 80 – so wie ich heute – und immer im Bett. Halb sitzend, halb liegend. Sichtbar krank war sie aber nicht. Zumindest nicht für mich. Darüber habe ich aber auch nicht wirklich nachgedacht. Sie war einfach da. Sie hat mich interessiert. Die Baschtl Waberl hat mir Geschichten erzählt. Sie hat mir vorgelesen. Das war sehr schön“, erinnert sich die Schauspiellegende, die heuer auch das 60-jährige Bühnenjubiläum begeht. An den großen Häusern der Welt hat Braundauer in diesen Jahrzehnten ebenso gespielt wie an der Seite von Hollywoodgrößen wie Robert Redford, Meryl Streep oder Sean Connery. Er hat internationale Erfolge gefeiert wie kein anderer im deutschsprachigen Raum. Obwohl der Tod, wie Brandauer sagt, für ihn als Buben kein wirkliches Thema war, waren es wohl auch diese frühkindlichen Erlebnisse, die seine Einstellung zum Lebensende wesentlich geprägt haben. „Der Tod spielte keine Rolle, bei der Baschlt Waberl nicht – und auch bei mir nicht. Eines Tages im Winter, es war kurz vor Weihnachten, hat der Großvater geschrieben, dass sie gestorben ist. Dann war sie weg.“ Für Brandauer eine bleibende Erinnerung: „Ich habe damals etwas Grundlegendes bekommen, für mich und mein Leben.!

„Man kann, wenn man sonst nicht tun kann, umarmen!“
(Klaus Maria Brandauer)

Schnitt. Der vielfach Ausgezeichnete, darunter ein Golden Globe und drei Oscar-Nominierungen, erzählt von seinem Dasein in Altaussee: „Heimat sei für mich überall auf der Welt. Ich lebe auch in Wien, Berlin und New York. Aber in Aussee bin ich geboren und das ist dann doch das Besondere dort. Dort nehme ich auch aktiv am Leben teil – und auch am Lebensende. Ich gehe immer wieder auch zu Begräbnissen, weil es so üblich ist für einen Ortsbewohner.“ Und so ist ihm auch die Hospizarbeit vertraut: „Es ist eine ganz wunderbare Aufgabe, die diese Menschen erfüllen. Das Sterben ist zwar etwas Selbstverständliches – für mich. Es gehört zum Lauf des Lebens. Man ist dann eben nicht mehr da. Aber manche, die alleine sind, die Schmerzen haben, wo der Tod vielleicht lange dauert, die brauchen eine Hand. Und wenn es da Menschen gibt, die diese Hand anbieten, dann ist das etwas Wunderbares“, streut Brandauer den Ehrenamtlichen Rosen. Und setzt mit einem Blick ins Leere nach: „Man hofft ja, dass es am Ende nicht lange dauert, dass es nicht schmerzvoll ist. Aber man kann es sich eben nicht aussuchen.“
Krankheit und Tod waren und sind aber keine großen Themen im Leben des Schauspielers: „Ich war zeitlebens vom tiefen Gedanken und der großen Überzeugung getragen, vor Gesundheit nur so zu strotzen. Das hat mir auch diese Kraft gegeben, meinen Beruf bis heute auszuleben. Das ist ein großes Glück – und dafür bin ich auch sehr dankbar. Eigentlich ist es fast eine große Unverschämtheit, den Tod und die Tatsache gesund zu sein so selbstverständlich zu sehen. Da denkt man dann natürlich auch keine Sekunde an das Aufhören. Warum auch?“

Schlussakt. Wenn Brandauer auf das Jahr 2024 vorausblickt, dann wünscht er sich allen voran, „dass sich baldigst Lösungen für die momentanen Konflikte auf der Welt, vor allem auch in der Ukraine und in Israel und Gaza finden lassen. Und dass es immer wieder Menschen gibt, die dahingehend Verantwortung übernehmen.“ Mit weicher Stimme und hoffnungsvollem Ton setzt er nach: „Denen, die glauben, es geht nur diktatorisch, wünsche ich Klarheit. Erkenntnis. Es geht nur vom Ich zum Du. Wir müssen da einfach sehr aufeinander aufpassen.“ Und: „Man kann, wenn man auch sonst nichts tun kann, umarmen. Wir können erklären. Wir können helfen. Und wenn einer glaubt, etwas Besseres zu sein, muss man ihm sagen: ,Du bist dumm!‘ Ich bin es auch. Aber ich weiß es. Darum höre ich auch nicht auf zu lernen. Wir alle können immer etwas lernen.“
Die Sonne beginnt sich zu verziehen, die wandelnden Wolken werfen Schattenspiele auf den Holztisch. Zum Abschluss gibt der herzliche Gastgeber noch eine Botschaft mit auf die Reise: „Wenn Leute gemeinsam in einem Raum sind, gehört es einfach dazu, dass sie sich gegenseitig besser machen. Das sollten wir uns vornehmen!“