Zuhören heißt bereit sein
Susanne Buchner-Sabathy ist blind – und seit einem Jahr Hospizbegleiterin. Zuhören ist für sie eine Haltung, ein Aufmachen für sein Gegenüber.
Stop and go. Stop and go. Träge wälzt sich die Autoschlange den Ring entlang. Immer wieder nützt ein Fußgänger den stockenden Verkehr, um abseits der Ampel schnell die Straße zu überqueren. Am Ende der Schlange schiebt sich ein Bus heran und rollt mit hektisch blinkendem Licht in die Haltestelle. Die Türen öffnen sich, Menschen springen die Stufen herunter und eilen in alle Richtungen davon. Aus der Vordertür ertastet sich ein Blindenstock den Weg auf den Gehsteig – die Bewegungen sind flink und sicher. Susanne ist angekommen. Sie geht den Weg ins Kaffeehaus mit beeindruckender Sicherheit; braucht kaum Unterstützung. Ablegen, hinsetzen, bestellen – alles im Griff. Und so war und ist das eigentlich immer im Leben der 62-Jährigen, die von Geburt an schwer sehbehindert war und um das 40. Lebensjahr völlig erblindet ist.
Susanne Buchner-Sabathy, ehrenamtliche Hospizbegleiterin in Hartberg (Foto: Ursula Müller)
Für Susanne ein schweres Los, aber kein Hindernis zu maturieren, zu studieren Allgemeine Sprachwissenschaft und Romanistik – ihr Doktorat zu machen, beeindruckende berufliche Wege einzuschlagen von der Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache bis zur Übersetzerin. Viele Jahre hat sie auch an der Akademie der Wissenschaften in Wien gearbeitet, bevor sie wieder in ihre oststeirische Heimat zurückgekehrt ist.
Trotz ihres eigenen Handicaps war und ist Susanne aber immer auch für andere da. Mit 60 Jahren hat sie sich sogar dazu entschlossen, ein Hospizgrundseminar zu machen und ist jetzt bereits seit einem Jahr Ehrenamtliche im Team Hartberg. „Wenn ich Berichte über Menschen gehört habe, die sich den Themen Lebensende und Tod widmen, Themen also, wo andere sich zurückziehen und abwenden, hat mich das immer schon sehr beeindruckt. Ich habe es stets als sehr tröstlich empfunden, dass es für Kranke, Sterbende und deren Angehörige ein solches Angebot gibt“, nennt Susanne einen der Gründe dafür, sich nun selbst in der Hospizarbeit zu engagieren. Es waren aber auch persönliche Erfahrungen, schlimme, die sie immer wieder daran erinnern, wie wichtig es ist, in schweren Zeiten jemanden an seiner Seite zu haben. „In der Volksschule war es beispielsweise die Solidarität meiner Kolleginnen. Sie haben mich durch diese Zeit getragen und, anders als das Lehrpersonal, stets unterstützt. Das war eine prägende Erfahrung“, erinnert sich Susanne zurück. Wie auch daran, dass sie dank der Durchsetzungskraft ihrer Eltern die AHS besuchen durfte und dass es immer ganz großartige Menschen um sie herum gegeben hat, dank derer sie ihr Schicksal leichter tragen konnte. Denn: „Das Leben mit einer Behinderung braucht breite Schultern!“
Pause. Die Augen blicken ins Leere. Der Körper wirkt hoch konzentriert.
Wertvolle Unterstützung abseits der Familie
Und dann: „In besonders schweren Zeiten habe ich deshalb auch psychotherapeutische Hilfe in Anspruch genommen. Ich wollte nicht immer meinen Mann und Freundinnen mit meinen Problemen belasten!“ Auch das war ein Grund, warum Susanne heute gerne für Menschen in deren letzten Lebensphase da ist: „Ich habe selbst erfahren, wie wertvoll es ist, in so schwierigen Situationen Menschen zu haben, die nicht privat, die nicht Familie sind.“ Diese professionelle Unterstützung hat ihr dann auch immer wieder Mut gegeben, ihre Träume zu verwirklichen. „Ich wollte immer Bücher übersetzen. Und irgendwann habe ich es dann gemacht – mit der Überlegung: Lieber ich scheitere, als ich probiere es überhaupt nicht“, erzählt die Oststeirerin. Mittlerweile hat sie 12 Bücher, vorrangig Fachliteratur aus dem Bereich der Psychoanalyse übersetzt – aus dem Englischen und Französischen.
Auch die Demenz ihres Schwiegervaters, sein Dasein in einem Pflegeheim, die vielen Stunden, in denen sie bei ihm war und jene zuletzt, die er dann doch alleine gegangen ist, haben sie ans Thema Hospiz herangeführt. „Ich habe ihm beim Essen und Trinken geholfen, wir haben Musik gehört und ich konnte erleben, wie Krankheit und Lebensende eine ganz neue Seite seines Wesens zutage gebracht haben – eine weiche und herzliche. Das hat mich tief beeindruckt, und ich habe erfahren, dass die Phase des Lebensendes, des Abschieds etwas ganz Besonderes sein kann – dass sich in der Beziehung von Menschen neue Türen öffnen.“
(Foto: Ursula Müller)
Von den Nebentischen drehen sich Köpfe – und auch rasch wieder weg. Susanne hat ihre Hände links und rechts von der kleinen Kaffeetasse auf den Tisch gelegt. „Seit dieser Zeit“, sagt sie dann, „hat mich der Gedanke an Hospizbegleitung nicht mehr losgelassen. Aber ich habe es mir einfach nicht zugetraut. Bis zu dem Tag, als ich eine Hospizbegleiterin kennengelernt und mich mit ihr angefreundet habe. Eines Tages hat sie mich angeschrieben und auf ein Hospizgrundseminar hingewiesen. Und dann habe ich es einfach gemacht.“ Der Wunsch zu begleiten sei übrigens von Anfang an dagewesen, lediglich die Angst es nicht zu schaffen hätte sie zunächst gebremst. Die sei allerdings während des Praktikums rasch verflogen. „Das war absolut ermutigend für mich“, erinnert sich die Ehrenamtliche und erzählt, dass sie sich immer wieder mit Fragen wie: „Sehe ich Gesichtsausdrücke? Sehe ich Gesten? Nein, die sehe ich nicht!“ beschäftigt hat. Rasch habe sie aber gelernt, Stimmungen anders wahrzunehmen: „Durch intensives Zuhören, durch den Stimmklang, über den Atem, die Atemgeschwindigkeit, über die Intonation.“ Damit war klar: „Ich traue es mir zu.“ Und mit den ersten guten Erfahrungen, war für Susanne der Eintritt ins Team Hartberg klar. Mittlerweile sieht sie ihre Blindheit sogar als Türöffner. Denn: „Es entsteht eine schnelle Verbindung mit den Menschen. Wir teilen etwas. Wir haben beide eine Verlusterfahrung – das wird offen angesprochen und schafft Raum.“
Susanne greift nach ihrem Handy, „schaut“ auf die Uhr. Hält den Kopf ganz gerade, schweigt kurz und meint dann mit sanfter Stimme: „Es bedeutet für mich eine große Ehre, dass ich Begleitungen machen darf. Dass Menschen mich an sie heranlassen. Dass sie mir etwas mitteilen, womit sie sich selber schwertun. Ja, es ist etwas Besonderes, wenn jemand eine Begleitung zulässt.“ Sie nippt am Espresso, stellt die Tasse mit vorsichtiger, aber sicherer Bewegung wieder zurück auf den Tisch. Und meint: „Eine begleitete Person erfindet sich neu. Sie zeigt mitunter Facetten, die bis dato noch nie hochkommen durften. Das ist spannend, das ist eine Ehre. Aber es ist auch eine schmerzliche Situation.“
Susanne weiß, wovon sie spricht: „Ich habe mir sehr schwer damit getan, meine Behinderung zu akzeptieren. Ich wollte nicht, dass es mir jemand anmerkt. Heute ist das anders – trotz allem bekomme ich nämlich ganz viel vom Leben. Und da gehören die Begleitungen nun auch dazu. Dieses Dasein, dieses Zuhören ist etwas so unglaublich Authentisches, Verlässliches, ein Kontakt mit etwas, das zentral im Menschen ist, das echt ist – das ist wertvoll, das strahlt für mich.“
(Foto: Hellfried Sabathy)
Dann strahlt auch sie. Das Gesicht wirkt jugendlich, fast kindlich freudig. „Zuhören ist eine Haltung“, sagt Susanne dann. Und setzt mit beeindruckender Rhetorik nach: „Beim Zuhören werde ich ganz ruhig. Das Tagesaktuelle rückt in den Hintergrund. Es geht etwas auf – nicht nur die Ohren. Es ist ein ganzkörperliches Aufmachen, ein Bereitsein, ein Warten. Und außerdem – ein Gespräch besteht ja nicht nur aus Worten. Es kann auch Schweigephasen haben. Wie ein Musikstück, vollkommen im Rhythmus von Klang und Stille.“ Wieder kurzes Schweigen. Dann: „Ich bin ein Glückspilz. Ich habe ein glückliches Leben – einen Mann, ein Haus, einen Garten, ich spiele Klavier.“ Sie bricht abrupt ab, atmet tief ein und setzt fort: „Was ich allerdings bedauere, ist, dass ich das Lächeln meines Mannes nicht mehr sehen kann. Vor 30 Jahren, konnte ich seine schöne Mimik noch schattenhaft wahrnehmen. Und auch die Sterne hätte ich gerne einmal gesehen.“