Hospizbegleitung ist empathisches Zuhören
Was ist das eigentlich, ein Hospiz? Was hast du gemacht? Das wurde die Gründerin des ersten stationären Hospizes moderner Geschichtsschreibung, Cicely Saunders, öfter gefragt. 1967 hatte sie St. Christopher´s, ihr Hospiz in London, eröffnet. Nach einem kurzen Nachdenken sagte sie: „Wir haben eigentlich nicht viel gemacht. Aber wir haben Menschen unterstützt, sterbenden Menschen zuzuhören. Und die Herausforderung für die Zukunft besteht darin: Zuhören. Zuhören. Zuhören.“
Zuhören ist seitdem die kürzeste Definition von Hospiz, von Hospizlichkeit. Sie zielt ab auf die „relationale hospizliche Haltung“; sein Ohr und sein Herz zu öffnen, da zu sein für die betroffenen Menschen, in Beziehung, in Relation, mit ihnen und natürlich mit ihren An-, Zu- und Hingehörigen zu bleiben. Es ist eine radikale Orientierung an den Bedürfnissen dieser sterbenden Menschen. Behandlung, Betreuung und Begleitung werden folglich mit ihnen besprochen, abgestimmt und an ihnen ausgerichtet. Der Mensch ist weder Mittel noch Punkt. Und steht nicht im Mittelpunkt. Es geht um dieses offene und hörende Bezogensein, das mitfühlende Bleiben in der Beziehung.
Zuhören ist alles andere als einfach. Wir werden täglich überschwemmt mit Informationen, Nachrichten, Fake News, Impulsen, Klicks…. Um zuhören zu können ist es unumgänglich aufzuhören. Man muss sich in gewisser Weise sammeln, seinen Alltag unterbrechen, die Flut der Eindrücke, denen wir ausgesetzt sind, stoppen. Aufhören ist Innehalten, Unterbrechen, Schluss machen, Aussteigen aus dem Karussell der Alltäglichkeiten, der beruflichen Zwänge und eingefahrenen Dynamiken, der Gewohnheiten, dem Gewöhnlichen des Lebens, indem wir uns eingerichtet haben. Es gilt, sich neu aufzurichten und auszurichten.
Das schöne „Aufhören“ hat noch eine weitere Bedeutung: es steht dafür auf-zu-horchen- den Kopf zu erheben, ganz Ohr zu werden, in ungeteilter Aufmerksamkeit zu sein, um auch in seiner Körperbewegung hinzuhören und buchstäblich herauszuhören, zu erhören, was leicht überhört werden kann im Lärm der Zeit.
Diese Haltung eines Zuhörens ermöglicht dann, den anderen zu erzählen, sich mitzuteilen, mehr noch: sich zu öffnen, sich zu offenbaren, in Gedanken und Gefühlen, in Bildern und Signalen. Gefühle werden denkbar und sagbar. Gedanken und Bilder werden fühlbar. Dieses Gewebe, diese Bewegung und Resonanz begründen Beziehungen, die sich im Entstehen vertiefen. Das ist im Übrigen auch die innere Dynamik jeder Freundschafts-, jeder Liebesbeziehung.
Dieses Zuhören ist also mehr als Gesagtes zur Kenntnis zu nehmen.
Denn es ist ein empathisches Zuhören. Ich versuche, mich in die Gedanken und Gefühle der erzählenden Person hineinzuversetzen, mit ihren Augen zu sehen, in ihren Schuhen zu gehen und mit ihrem Herzen zu fühlen. Das meint das empathische, das mitfühlende Zuhören, einen Perspektivenwechsel zu vollziehen. Dadurch wird die erzählende Person, werden ihr Kranksein, das Leiden am Leben, die Einsamkeit des Schmerzes und die Verlassenheit des Sterbens erträglicher. Wir tragen sie ein wenig mit, indem wir in der hörenden empathischen Beziehung bleiben. Einfach da sein, sagen viele Hospizbegleiter*innen, wenn sie gefragt werden, was sie eigentlich tun. Das ist alles andere als einfach. Es bedeutet immer auch, seine eigenen Wichtigkeiten, sich selbst zurückzunehmen, sich zu öffnen, einen Raum entstehen zu lassen, der nicht gefüllt ist davon, etwas durchzusetzen, ein Interesse zu verfolgen.
Es ist ein zuhörendes Dasein im Anteilnehmen.
Und das ist eine politische Praxis. Der Philosoph Byung-Chul Han bringt es auf den Punkt: Zuhören ist eine politische Haltung. Unsere Gesellschaft neige dazu, Menschen, die leiden, die krank sind und sterben, auszusondern, aus dem gemeinsamen Leben zu verlagern. Damit werde das Leben zur Privatsache und in hohem Maße individualisiert. Die Haltung des Zuhörens sei ein politischer Akt der Entprivatisierung. Sie erinnert daran, dass wir Menschen nicht leben können und auch nicht sterben können, ohne in Beziehung zu bleiben. Wir sind radikal Beziehungswesen. Wir sind aufeinander angewiesen und verwiesen. Wir können nur leben in und aus sorgenden Beziehungen, in Relationen also, die zu uns aufgenommen werden und die wir selber zulassen, ermöglichen und pflegen. Um sagen zu können, was wir wollen oder nicht, um zu bestimmen, was wir selbst sind und sein wollen, sind die Relationen zu anderen kein Hindernis, sondern die Voraussetzung. Autonom sind wir gerade, weil wir mit anderen verbunden sind und in diesem Verbundensein, uns selbst, den Unterschied zu anderen geltend machen können und deshalb in Beziehung bleiben.
In dieser Bewegung des Zuhörens und Erzählens
kann manchmal ein Raum entstehen, in dem ganz Neues, etwas ganz Anderes, eine Kraft, eine Energie spürbar ist, von der wir selbst überrascht sind, manchmal auch erst langsam, oft im Nachhinein begreifen, dass „der Himmel ein Stück offensteht“. Es wundert nicht, dass viele Hospizbegleiter*innen erzählen, dass sie im Zuhören beschenkt worden sind, dass ihr eigenes Leben reicher, weiter und tiefer geworden ist. Eine wichtige Perspektive für das eigene Leben sei ihnen geschenkt worden, die sie den Sterbenden verdanken.
Solche Erfahrungen lassen sich weder herstellen noch machen, erst recht nicht durch Qualitätsmanagement befördern. Denn sie haben einen Geschenkcharakter. In der alten Theologie nannte man solche Momente gnadenhaft. Das lateinische Wort dafür ist gratia – Gnade, was umgangssprachlich im Wort „gratis“ = umsonst weiterlebt. Gemeint ist eine Haltung der „Umsonstigkeit“, die gegenläufig ist zur kundenbindenden Rabattierungspraxis – alles gratis! – in der Konsumgesellschaft.
In solcher relationalen Umsonstigkeit kann uns momenthaft ein Licht aufgehen in der Erkenntnis, dass unser Leben bis ins Sterben hinein ein Geschenk ist, dem wir uns anvertrauen können.
Andreas Heller
Univ.-Prof. Dr. Andreas Heller

studierte Theologie, Philosophie, Soziologie, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Gesundheits- und Pflegewissenschaften. Er arbeitet seit 2013 in der Abteilung für Palliative Care und Organisationsethik am Institut für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie der Fakultät für Katholische Theologie an der Karl-Franzens-Universität Graz.