Die GGZ waren mein Lebenswerk
Professor Gerd Hartinger hat mehr als ein viertel Jahrhundert als Geschäftsführer die Geschicke der Geriatrischen Gesundheitszentren Graz geleitet und sie in dieser Zeit als Kompetenzzentrum für Altersmedizin und Pflege mit internationaler Strahlkraft entwickelt. Am vorletzten Arbeitstag vor seinem Ruhestand trafen wir den erfolgreichen Manager zu einem Ein-, Rück- und Ausblick.
Gerd Hartinger (Foto: Furgler)
Heute ist Ihr vorletzter Arbeitstag als Geschäftsführer der GGZ. Wie fühlen Sie sich?
Es ist schon ein bisschen Wehmut da. Aber alles im Leben hat seine Zeit – und meine bei den GGZ ist nun eben vorbei. Dafür kommt Zeit für andere Dinge, und da bin ich schon sehr gespannt darauf, was sich alles eröffnen wird.
Sie haben die GGZ von einer veralteten Pflegeeinrichtung zu einem international vielbeachteten Kompetenzzentrum für Altersmedizin und Pflege entwickelt. Was war Ihr Antrieb dafür, sich mehr als ein viertel Jahrhundert in diesem Bereich zu engagieren?
Es war eine Berufung – das, was ich hier gemacht habe, war ein, war mein Lebenswerk! Dafür habe ich in jeder Sekunde gebrannt und dafür habe ich gearbeitet und gelebt. Und das mit voller Begeisterung und Überzeugung. Menschen in hohem Alter, mit schwerer Krankheit, am Ende ihres Lebens die bestmögliche Versorgung zu geben, den individuellen Bedürfnissen entsprechend, das war mein Antrieb. Und das unter besten Rahmenbedingungen mit dem besten Personal und besten Mitarbeiter*innen zu machen. Entwicklungen voranzutreiben, Entwicklungen zu ermöglichen, Menschen zu befähigen – darin habe ich den Sinn meiner Arbeit gesehen.
Sie haben den GGZ in allen Bereichen neues, zeitgemäßes Leben eingehaucht – von der Baustruktur bis zur Managementphilosophie – und erhielten dafür auch zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen. Woher kamen die Visionen und wie ist es gelungen, diese in die Wirklichkeit umzusetzen?
Als ich diese Aufgabe angenommen habe, haben mir viele gesagt: „Lass das! Da ist so viel zu tun. Das kostet alles enorm viel. Das ist nicht machbar!“ Aber es war wie eine Berufung für mich. Da waren Schulden, eine kaputte Bausubstanz, große Säle mit vielen Betten – ich habe gespürt, dass ich für die Altersversorgung in Graz etwas tun muss. Und ab diesem Moment habe ich unermüdlich gekämpft – vor allem aber habe ich daran geglaubt, dass es machbar ist, dieses Haus, diese Organisation in die Gänge zu bringen. Es war wie ein Drang, wie eine Lebensaufgabe. Wenn ich unermüdlich gegen Mauern gelaufen bin, kam oft die Frage: Glauben Sie, dass das alles einen Sinn hat?“ Und ich habe gesagt: Ja! Und dann ist die Saat plötzlich Stück für Stück aufgegangen – das haben die Mitarbeiter gesehen, das hat sie begeistert und mitgerissen. Sie haben mit der Zeit einen unglaublichen Enthusiasmus entwickelt und sind jetzt ein hervorragendes Team von selbstbefähigten Leuten.
Meine vielen Erfahrungen in den verschiedensten Branchen, die ich vor meiner Zeit bei den GGZ machen durfte, haben mir da natürlich sehr geholfen. Und neben 40 bis 80 Arbeitsstunden in der Woche habe ich über die Jahre auch noch fünf Studien abgeschlossen. Aber mein Antrieb aus diesem Siechenhaus, wie man sagte, ein modernes Kompetenzzentrum zu machen, hat mich unentwegt dafür arbeiten lassen.
Sehr früh haben Sie erkannt, dass zu einer multiprofessionellen, zeitgemäßen Betreuung älterer, schwerkranker Menschen auch die Hospizarbeit gehört, und haben diese in den GGZ institutionalisiert. Warum war Ihnen das wichtig?
Weil das würdevolle Sterben einfach dazugehört! Und das ist in einem herkömmlichen Spitalszimmer unter anderen Leuten einfach nicht möglich – es braucht die spezielle Atmosphäre und die spezielle Betreuung durch spezielles Personal. Ich war dazu in London auf den Spuren von Cicely Saunders und Elisabeth Kübler-Ross unterwegs, habe eine wissenschaftliche Arbeit dazu geschrieben und sie Experten und der Politik vorgelegt. Wir haben mit einem kleinen Pilotprojekt begonnen und die Hospizarbeit dann Schritt für Schritt etabliert.
Und Sie haben dem Hospizverein eine Herberge in den Räumlichkeiten der Geriatrischen Gesundheitszentren gegeben. Warum?
Weil der Hospizverein damals gerade auf Herbergsuche war und es zu unserem Projekt perfekt dazugepasst hat. Das Gebäude, in dem sich das heutige Tageshospiz und der Hospizverein befinden, war damals mehr als baufällig und musste unter strengen Auflagen des Denkmalschutzes renoviert werden – dass im Erdgeschoss der Hospizverein Steiermark einzieht, war naheliegend und es war mir ein Anliegen, das zu ermöglichen.
Worauf in Ihren 26 Jahren als GGZ-Geschäftsführer sind Sie besonders stolz?
Darauf, eine selbstbefähigte, selbstbewusste Mannschaft zu hinterlassen; eine Organisation, wo viele Führungskräfte Frauen sind. Eine hochbefähigte Organisation, in der die Mitarbeiter*innen selber wissen, was wichtig und gut ist. Ich brauche nicht mehr vorzugeben, ich lasse die Mitarbeiter arbeiten und entwickeln. Ich habe mich mehr und mehr zurückgenommen im Bewusstsein, nicht zur Blockade werden zu dürfen.
Gibt es etwas, das Sie gerne noch umgesetzt hätten?
Das „Betreute Wohnen Rösselmühle“. Ein Projekt, das auf einem Hamburger Konzept und der Basis von Wohngemeinschaften und Demenzwohngemeinschaften beruht, die aber keine Pflegeheime sind. Es handelt sich um Einrichtungen, in denen Bedürfnisse und nicht Gesetze vorherrschen. Leider gibt es dazu noch keine Entscheidungen – aber ich werde da dranbleiben und mich in meiner Pension gerne auch ehrenamtlich einbringen.
Wohin sehen Sie die Reise für Altersmedizin und Pflege angesichts der wachsenden Zahl an alten, multimorbiden Menschen und sinkender Personalzahlen, speziell in der Pflege, gehen?
Man darf in Zukunft auf keinen Fall so arbeiten wie in der Vergangenheit. Man muss vielmehr den skandinavischen Weg beschreiten. In Schweden und Dänemark werden Pflegeheime zum Teil wieder zurückgebaut – zugunsten von Häusern mit zwölf bis fünfzehn Wohngemeinschaften, mit einem Marktplatz, mit Individual-Zimmern und starker Einbindung der Angehörigen. Solche Konzepte ersparen Pflegeheime, Pflegepersonal und Kosten. Und das ist die Zukunft.
Was ist Ihnen in Ihrer letzten Arbeitswoche noch besonders wichtig zu tun?
Es ist mir wichtig, alles gut zu übergeben. Ich bleibe den GGZ natürlich verbunden und helfe, wenn ich gefragt und gebraucht werde.
Angst vor einem Pensionsschock?
Es war gegen Ende schon ein angespanntes Gefühl da – aber das hat sich jetzt gelockert. Die Spannung löst sich. Ich habe ja jedes Detail in jedem unserer Pflegeheime gekannt; jetzt ist mein Blick aber schon sehr auf meine „Zeit danach“ gerichtet. Ich werde etwa demnächst meine Enkerl in Hongkong besuchen. Aber meine hervorragenden Mitarbeiter*innen werden mir natürlich wohl noch länger abgehen.
Um wieder auf das Thema Hospiz zu kommen: Wenn Sie es sich wünschen könnten, wie und wo würden Sie gerne alt werden und wie sollte Ihr Ende einmal aussehen?
Mein Leben war so schön und erfüllt, ich glaube, ich kann einmal sehr dankbar und ruhig gehen. Ich glaube sagen zu können, dass ich die Welt, in meinem kleinen Wirkungsbereich, ein bisschen besser machen konnte – und dass ich mit mir im Reinen bin. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich gerne ruhig einschlafen.
(Johanna Vucak)