Ihr seid Engel – das muss man hinausschreien
Brigitte Karner über die letzte Lebensphase ihres Mannes Peter Simonischek – über Schmerz, Trauer und warum Hospizbegleiter*innen für sie Engel sind

Wenn man gut lebt, kann man gut loslassen
„Es war ein sehr guter Tag heute. Ich habe eine Freundin getroffen, eine wunderbare Musikerin, die vor einiger Zeit ein Burnout erlitten hat. Eine sehr engagierte Frau – jetzt geht es ihr glücklicherweise wieder besser“, erzählt Brigitte Karner. Dann sei sie noch einkaufen gewesen und jetzt sei sie bereit. Bereit über das zu sprechen, worüber sie in den vergangenen Jahren hunderte Mal gesprochen hat – mit der Familie, mit Freunden, mit Journalisten. Über die Krankheit ihres Mannes, Peter Simonischek, den Tod, das Loslassen. Über Trauer und das Leben danach.
Der Winter dauert schon lang in Wien. Seit Tagen hängt eine dicke Nebeldecke über der Stadt – macht sie grau, macht sie kühl. Brigitte Karner, bekannte Schauspielerin, Witwe des international gefeierten Burgschauspielers und Gewinners des Europäischen Filmpreises, Peter Simonischek, macht es sich auf ihrem Sofa gemütlich. „Immer ist da etwas in meinem Schädel, das mich beschäftigt – Künftiges, Berufliches, Vergangenes“, sinniert die „Schauspielerin des Jahres 2022“, die in Kärnten geboren wurde.
„Was bleibt nach dem Tod des Menschen, der mehr als 40 Jahre an deiner Seite war? Was bleibt und was mit der Zeit immer stärker wird, ist die große Dankbarkeit für die Zeit, in der wir zusammen waren. Mehr als 40 Jahre. Unsere Liebe war stark. Sehr stark. Dass ich heute bin, was ich bin, ist das Ergebnis dieser Beziehung – unserer Ehe. Erst heute morgen habe ich mich bei Peter wieder dafür bedankt. Ich kommuniziere oft mit ihm; eigentlich mehr denn je“, erzählt Karner von ihrem neuen Leben als Witwe.

„So viel ist da. Was jetzt allerdings vergeht“, sagt sie, „sind die Schuldgefühle“. Schuldgefühle dafür, dass sie noch da ist – und er weg: „Diese Schuldgefühle waren in der ersten Zeit groß. Kurz vor seinem Tod sagte mein Mann einmal: ‚Wie kann ich dich nur zurücklassen?‘ Und ich sagte: ‚Ja, wie kannst du das nur!‘“ Pause! Die anmutige Frau am Sofa wandert mit ihren Gedanken zurück: „Kurz nach dem Tod meines Mannes gab es Phasen, die waren so schmerzvoll, dass ich dachte, ich wäre in eine Depression gekippt. Dass ich dachte: werde ich gleich nachgehen? Trauer tut weh, aber sie ist wichtig, man muss sie zulassen, ertragen, durchleben.“

Aber: „Ich war auch immer getragen von der Motivation: Mach jetzt etwas, das du noch nie gemacht hast. Viele leben ja so weiter, als wäre der andere noch da. Ich mache das nicht. Ich habe etwas gemacht. Ich habe mich in mein Auto gesetzt und bin, ganz alleine, nach Griechenland gefahren. Und ich habe auch dieses Buch gemacht – Mein Leben ohne ihn. Das Schreiben war hilfreich; es war wie eine Therapie.“ Rasend schnell sei die Zeit so vergangen: „Nun sind es schon bald drei Jahre, dass Peter verstorben ist. Es hat sich viel getan, viel bewegt. Aber es gibt auch eine große Einsamkeit.“ Vor dem Fenster kippt das Nebelgrau langsam in die abendliche Finsternis hinein.
„Loslassen“, sagt Karner dann mit fast überbordender Agilität, „loslassen, das braucht Disziplin. Als mein Vater gestorben ist, hat mich das auch sehr viel Kraft gekostet. Er war im Krieg erblindet. Mein Gedanke, als er gegangen war: jetzt kann er sehen – es geht um meinen Vater, nicht um mich. Es ging um Peter, nicht um mich. Der Schluss war furchtbar. Peter hatte den Wunsch, dass es schnell geht. Da hatte ich kein Recht, noch festzuhalten. Das habe ich mir verboten.“
Still ist es geworden draußen auf der Straße. Irgendwo bellt ein Hund. „Vor ein paar Tagen ist mir aufgefallen“, sagt Karner, „dass ich in Peters Anwesenheit eigentlich nie geweint habe. Ich wollte immer nur, dass es ihm gut geht. Es ging um ihn.“ Vielmehr Bewusstsein würde sie sich dahingehend wünschen, vielmehr Gespräche: „Darüber zu reden, da sind wir ganz schlecht. Aber es war nun einmal so, dass ich das Ablaufdatum zu respektieren hatte. Das konnte nur er bestimmen.“
Das Danach sei für sie dann ein unglaubliches Staunen gewesen: „Was ist da los? Was ist jetzt mein Alltag? Es war eine große Gefühlsexplosion; eine Walze an Emotionen. Und darunter habe ich mehr und mehr die Einsamkeit gefühlt. Man hat Familie. Man hat Freunde, ja, aber man ist es nicht gewohnt, allein zu sein, in dieser engsten Form des Lebens.“
Dass sie all das so machen konnte, wie sie es gemacht hat, „dass unser gemeinsames Erleben vom Ende so sein konnte wie es war, hat viel mit den wunderbaren Menschen zu tun, die um uns herum waren – mit dem mobilen Palliativ- und Hospizteam; den Pflegern, Psychologen, Ärzten und ehrenamtlichen Hospizbegleitern. Da bin ich voller Dankbarkeit dafür. Ich wusste ja zunächst nicht, wie das abläuft, dass die jede Woche kommen. Und wie sie kamen! Großartige, wunderbare Menschen“, ist Karner, die auch Schirmherrin der Hospizbotschafter*innen beim Dachverband Hospiz Österreich ist, heute noch begeistert. Und erzählt, dass es Waltraud Klasnic, die ehemalige Präsidentin von Hospiz Österreich war, die sie auf dieses Thema und zu dieser Organisation gebracht hat: „Ich habe mich dann mit Hospiz-Gründerin Cecile Saunders beschäftigt, und es hat mich einfach rundum begeistert, was hier geschieht. Ich bin voll der Achtung und des Respekts für diese Organisation und für die Menschen, die sich dort engagieren. Ich wollte auch selbst ein Hospizgrundseminar machen – doch dann kam die Krankheit von Peter. Aber ich möchte den Menschen permanent zurufen: Macht das! Auf eine Geburt bereiten wir uns ganz selbstverständlich vor, aber wir müssen uns auch auf den Tod vorbereiten! Und da gibt es wunderbare Menschen, die unterstützen, helfen, zuhören, da sind – das kann man nicht laut genug hinausschreien!“
Berührende Lesung bei der 25-Jahr-Feier des Hospizteams Fürstenfeld
Zu wissen, dass es diese Angebote, diese Menschen, diese Hilfe gibt, hat für Karner auch etwas Tröstliches. Trost hat die Schauspielerin, die demnächst in einem neuen Programm zusammen mit einem Musiker auf der Bühne stehen wird, aber auch in den vielen Lesungen aus ihrem Buch „Mein Leben ohne ihn“ gefunden. Weil: „Dieses Buch viele andere tröstet. Wenn bei Präsentationen das Thema Tod zur Sprache kommt, über das ja sonst keiner wirklich reden will, ist immer enorm viel Interesse und Redebedarf da. Und am Schluss bleibt immer viel Lebendigkeit und Dankbarkeit dafür, dass darüber geredet wurde, zurück.“
Foto: Elena Zaucke
Was bleibt? Was geht? Was ist? „Es ist eine große Leere. Eine Luftblase auf der ich stehe. So hatten wir es nicht gedacht. Peter hat oft gesagt: Ich freue mich, mit dir alt zu werden. Mein Mann dachte immer wieder auch an das Ende – ich nicht.“ Eine große Lampe geht an. Das Licht ist weich und warm – und schmiegt sich sanft in den Raum. Die Frau mit diesem wunderbar kraftvollen, silber glänzenden Haar, immer noch hochkonzentriert auf ihrem Sofa, erzählt: „Ich habe immer behauptet, ich habe keine Angst vor dem Tod. Als Junge dachte ich, wenn ich morgen sterbe, was ist dann offen? Nichts! Jetzt beschäftige ich mich mehr mit diesem Thema – aber es ist auch heute so. Ich habe keine Gier nach etwas Konkretem. Keine Angst, etwas zu versäumen. Wenn man gut lebt, kann man gut loslassen.“ Dieser Zugang, so Karner, sei auch ihrer Gläubigkeit geschuldet: „Glaube ist das Wissen, dass es etwas gibt, wo es weitergeht. Ich glaube auch, dass ich geführt werde. Ich spüre manchmal ganz intensiv, was als nächstes wichtig ist. Andere Menschen nennen es Zufall, ich erfahre es als Führung.“ Für das eigene Ende wäre ein einfaches Einschlafen natürlich wünschenswert: „So wie es bei der Oma und der Tante war. Aber wenn es schwierig werden sollte, wünsche ich mir die Kraft, es ruhig und ganz bescheiden durchzustehen. Es zu ertragen und hinzunehmen. Und ich wünsche mir, dass dieser Zugang bleibt.“
Jetzt geht es aber einmal auf Reisen – in ein paar Tagen hebt Karner mit dem Flugzeug ab; weit über die Nebeldecke von Wien hinaus; hinein in die Sonne über den Wolken. Dem Himmel und ihrem Peter nah.
(Johanna Vucak, Hospizverein Steiermark)