Ich möchte einschlafen, bevor ich völlig hilflos bin
Graz. Annaheim. Nach Monaten der Nebelschleier und Kälte endlich erste Sonnenstrahlen. Im Park schieben zwei Damen ihren Rollator vor sich her, gestärkt von der Kraft der klaren Frühlingsluft. Im ersten Stock, Zubau, sitzt Helene Ertler auf ihrem Bett. Die Lippen so rosa wie der erste frühlingssatte Krokus in der Wiese, die Augen so leuchtend und hellwach wie der Vollmond, der heute bis spät in den Tag hinein nicht vom Himmel weichen will. Ein jeher Ruck, die rüstige Dame steht auf, ergreift den Rollator und wechselt hinüber zum Schreibtisch. „Da sitzt es sich besser – da redet es sich besser“, lacht sie, nimmt ihre Kopfhörer, schraubt und dreht an einer kleinen Fernbedienung und meint: „Das brauche ich, sonst höre ich nichts. Und ein richtiges Hörgerät, das ist teuer. Das kann ich mir nicht leisten – und das zahlt sich mit 99 auch nicht mehr wirklich aus.“ Man möchte es nicht glauben, dieses Alter und diese Klarheit.

Von Schmerzen in den Beinen erzählt die rüstige, groß gewachsene Dame dann, von ihrer Polyneuropathie, die ihre Finger manchmal ganz gefühllos werden lässt – und sie umgreift im selben Moment mit voller Kraft den Henkel ihrer Tasse. „Heute geht es“, sagt sie, „manchmal aber, da kann ich nicht einmal mehr den Löffel halten.“ Alleine anziehen, waschen, zur Toilette gehen, das funktioniere alles nicht mehr. „Leider“, sagt sie. Und schweigt dann.
Die Sonne schiebt sich Schritt für Schritt vor die Balkontür. Sie erhellt das Gesicht, sie wärmt die schönen, schlanken Hände. „Heute war ich das erste Mal draußen. Es ist schön, hinunter in den Garten zu schauen. Da wird es jetzt langsam grün“, sagt Frau Ertler. Die Natur hätte sie zeitlebens geliebt – wie schön es war, damals im Haus in Hirschegg und später in der Wohnung in Radegund. „Bis zum 77. Lebensjahr bin ich Schi gefahren, gewandert und habe Tennis gespielt. Ich war auf insgesamt 20 Dreitausendern“, erzählt sie und dreht sich zu einer Bildergalerie an der Wand. „Da“ deutet sie mit weit ausgestreckter Hand, „da auf dem Großglockner war ich, am Großvenediger, am Hohen Sonnblick. Am Meer war ich nie. Ich vertrage die Hitze nicht. Hier, das sind die drei Zinnen – die habe ich mit meinem Enkerl umrundet. Mit ihm bin ich viel gewandert und gereist – wir waren in England und in Polen. In Breslau, da haben wir uns diese wunderbaren Kirchen aus Sand, Holz, und Lehm angeschaut. Die sind einmalig.“
Hochmotiviert springt die betagte Dame plötzlich auf, wandert mit dem Rollator zum Bücherregal, schnappt Infobroschüren, platziert sich wieder auf dem Sessel und schiebt ein Foto von der „Friedenskirche zu Schweidnitz“ über den Tisch. „Ja, mit meinem Enkerl habe ich ganz tolle Sachen gesehen, der hatte immer so Zuckerln zum Anschauen. Eine schöne Zeit war das.“
Und selbst die Kriegsjahre hat sie in „gar nicht so schlechter“ Erinnerung: „Wir Mädchen konnten tanzen und ins Kino gehen. Anfangs war das alles möglich. Bis dann die Schulen gesperrt waren und auch wir in den Arbeitsdienst mussten. Das war dann schon grauenhaft; vor allem der Drill. Den mag ich nicht. Ich habe aber bald abrüsten dürfen, weil meine Schwester an TBC gestorben ist und es meiner Mutter deshalb nicht gut ging.“ Bald ergab sich für die junge Frau ein Job bei der Post, sie machte die Matura – die Normalität nahm wieder ihren Lauf. „Gesungen habe ich viel. Beim Grazer Volksliedwerk und beim Jodelverein war ich. Im Fasching haben wir uns verkleidet. Das war immer eine Hetz“, blickt sie im Zeitraffer zurück.
Ob sie etwas in ihrem Leben bereuen würde? „Oh ja“, kommt es förmlich aus ihr herausgeschossen. „Da gibt es Vieles, das ich lieber nicht hätte machen sollen – heiraten zum Beispiel“, sagt sie und lacht dabei so herzhaft, dass selbst die schweren Kopfhörer auf ihren Ohren lustig wackeln. Und sie setzt nach: „Ich war zweimal verheiratet – und hatte zweimal Pech. Der Erste, da war ich noch viel zu jung, war Student. Wir lebten mit meiner Mutter zusammen, mit der er sich überhaupt nicht verstanden hat. Und ich habe eigentlich die ganze Familie erhalten. Mit ihm hatte ich meine erste Tochter. Blöderweise habe ich ein zweites Mal geheiratet. Der hat mich dann betrogen; ich ließ mich scheiden und ab dem 50. Lebensjahr war ich dann alleine. Mit ihm hatte ich meine zweite Tochter. Aber: Ich habe sehr gut auch alleine gelebt.“
Die Wände sind gespickt voll mit Fotos von „damals“ und heute – Kinder, Enkel, Urenkel und ihre geliebte Katze: „Die musste ich leider zurücklassen – da kümmert sich jetzt meine Enkelin darum.“
Frau Ertler blickt lange auf das Katzenfoto, dreht den Kopf dann abrupt zur Seite, schaut eine Weile zur Decke und sagt: „Lesen tue ich viel. Zeitungen, Magazine und Bücher – etwa vom Sepp Forcher; der ja auch ein Bergfex war. Das war ein blitzgescheiter Mensch, den ich sehr bewundert habe. Ich bin oft seine Routen gegangen“. Auch Reinhold Stecher, der ehemalige Bischof von Innsbruck, habe sie begeistert – sie hätte viel von ihm und über ihn gelesen; über Kunst, über gotische Kirchenaltäre. Vor allem auch, weil er sehr lustig geschrieben hätte.
„Ich lache ja so gern“, sprudelt es dann aus ihrem immer lebendiger werdenden Körper heraus. Mit einem verschmitzten Lächeln zieht sie die Achseln weit in Richtung Ohren hoch und meint: „Aber ich jammere auch oft – weil ich mich eben oft ärgere. Über alles Mögliche. Über die Politik zum Beispiel – weil sie viel zu wenig für den Naturschutz tut. Die Gletscher schmelzen dahin. Das ist eine Katastrophe.“
Wie man mit 99 Jahren noch so fit sein kann? „Ich habe mich immer viel bewegt, die Berge waren mein Lebenselixier. Und das Reisen. Und die Natur. Jetzt geht ja nichts mehr – jetzt schaue ich mir eben Dokus über alle möglichen Länder an. Jetzt reise ich halt nur mehr mit dem Kopf. Auch das hält fit.“ Man glaubt es ihr aufs Wort.
Weniger glauben möchte man hingegen ihren größten Wunsch. „Sterben“ sagt Frau Ertler, ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen. „Und das am liebsten heute als morgen“, setzt sie mit starker, selbstbestimmter Stimme nach. Die Tage seien zu lang hier, die Nächte zu oft schlaflos. Die Vorstellung, irgendwann nichts mehr angreifen zu können, nur mehr im Bett zu liegen und zu warten, bis jemand kommt, sei grauenvoll. Der Gedanke an die völlige Abhängigkeit furchtbar. „Ich möchte gerne einschlafen, solange ich noch gehen kann.“
Dann schaut sie hinüber zur sonnenerhellten Balkontür und plötzlich leuchten ihre Augen auf. Über ihren Mund zieht sich ein herzerwärmendes Lächeln. „Aber wenn die Frau Döller kommt, ist das immer eine ganz große Freude. Die ist mir ganz wichtig – wir verstehen uns super. Wir erzählen einander alles. Mit ihr kann ich richtig reden. Auch über das Sterben. Das ist mir wichtig“, schwärmt sie von Hospizbegleiterin Angelika und der wöchentlichen Stunde mit ihr. Und da fällt Frau Ertler dann doch noch ein weiterer Wunsch ein: „Wenn ich sterbe, hätte ich gerne Frau Döller neben mir. Sie soll meine Begleitung auf meinem letzten Weg sein.“